Leseprobe

 

GEFLÜCHTET

Zu zweit in den Westen

 

Das Jahr 1985 hatte für mich einen bitteren Beigeschmack, denn es war das Jahr meiner unabwendbaren Einberufung in die Nationale Volksarmee. Der 5. November war jener schwarze Tag, der meine Lebensfreude und einen unwiederbringlichen Teil meiner kostbaren Jugendzeit für achtzehn unendlich lange Monate entführt hatte. Doch jetzt, im September 1987, lugte das Glück ganz scheu wieder hervor: Claudia und ich konnten nun doch noch gemeinsam in Erfurt studieren, auch wenn der Studienplatz nicht meinen Wünschen Maschinenbau oder Elektronik entsprach. Ein »Nur-Grundwehrdienstler« wie ich galt in den Augen von Honeckers Parteifunktionären schon fast als Drückeberger und durfte sich deshalb glücklich schätzen, überhaupt bei der Vergabe der begehrten Studienplätze berücksichtigt zu werden. Anfangs wohnten wir getrennt in verschiedenen Studentenwohnheimen. Ich mußte mir mit zwei Kommilitonen der Studienrichtung Polytechnik ein Zimmer in einer Studentenwohnung teilen, in der jeweils rund zehn Studenten in drei Zimmern untergebracht waren – wieder einmal in platzsparenden Doppelstockbetten. Zum Lernen und Studieren kam ich in meinem Wohnheim nicht, denn vor allem meine jüngeren Kommilitonen, die »Ungedienten«, denen das leidige Kapitel NVA bisher erspart geblieben war und die nun erstmals fernab von zu Hause in der Großstadt wohnten, ließen es ordentlich krachen. Ihnen hatte noch kein Boiler »die Flügel gestutzt«, kein EK oder Pinnau je »den Arsch angebrannt«, übermütig feierten sie jede Nacht ihre neuen Freiheiten.

Claudia bewohnte gemeinsam mit einer Studienkollegin ein winziges Zimmer von nur zehn Quadratmetern in einem Wohnheim direkt auf dem Hochschulgelände. Die räumliche Beschränkung brachte aber immerhin den Vorteil, daß sie die Behausung nicht mit mehreren Mädchen teilen mußten, und so blieb ihnen mehr Ruhe zum Lernen. Verständlicherweise zog Claudias Mitbewohnerin Magda es schon bald vor, bei ihrem Freund zu wohnen, der bereits arbeitete und eine eigene Wohnung in der Stadt besaß. Diese Chance nutzten wir, mich mit in das Minizimmer einzuquartieren, ohne daß Magda diesen Platz offiziell aufgab.

Erstaunlich, wie wir es damals schafften, uns in dieser Enge so gut zu arrangieren. Auf einem Bücherregal stand eine elektrische Doppelkochplatte, auf der wir uns das Nötigste brutzelten. Claudia residierte auf dem oberen Logenplatz im Doppelstockbett. Und weil die gesamte Etage nur für Frauen bestimmt war, staunten die Zimmernachbarinnen nicht schlecht, als ich morgens neben ihnen im Waschraum stand, zumal eine von ihnen gerade voller Elan splitternackt aus der Dusche sprang. Da die jungen Frauen Claudia aber sehr mochten und auch manchmal ihre fachliche Hilfe brauchten, hielten sie gegenüber der Wohnheimverwaltung dicht. Nacktheit bedeutete für uns »Ossis« normalerweise nichts Außergewöhnliches. Dafür hatten die weitläufigen Ostseebadestrände, besonders auf dem Darß zu einem großen Teil FKK-Bereich, gesorgt. Fast jeden Sommerurlaub verbrachte ich als Kind mit meinen Eltern oder Großeltern an der Ostsee, später als Jugendlicher mit Freunden. Und fast immer stand unser Zelt hinter den Dünen eines FKK-Strandes. Aber nach so langer Zeit NVA-Lebensentzug, gefangen in einer gnadenlosen Männergesellschaft, war es verständlicherweise eine Wohltat für Augen und Seele, sich plötzlich inmitten eines Mädchenwohnheimes wiederzufinden! Diese Erfurter Studienzeit – mit Ausnahme der unvermeidlichen vier Wochen NVA-Reserve in Seelingstädt – wurde zur schönsten Zeit meines bisherigen Lebens. Trotzdem verlor ich keinen Augenblick mein Ziel aus den Augen, im Sommer aus der DDR zu fliehen. In der oberen Etage unseres Hochbettes weihte ich Claudia Stück für Stück in meine geheimen Gedanken ein. Vorsichtig tasteten wir uns an diese äußerst gefährlichen Pläne heran. Ich staunte, daß Claudia einen ähnlich starken Drang zur Flucht verspürte, hatte sie es doch ziemlich schnell zu großem Ansehen und Erfolg an der Hochschule gebracht. Und mit vielen deprimierenden Einzelheiten aus der Tautenhainer Kaserne hatte ich sie sogar bewußt verschont, einfach um sie damit nicht zu belasten.

Eines soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Das finstere Kapitel Militärdienst bei den geheimen Atomraketentruppen in Tautenhain hatte paradoxerweise etwas Unglaubliches bewirkt: eine völlige Änderung meiner Einstellung zum Leben, zur Existenz schlechthin. Was vielen meiner Mitmenschen im Alltagsleben als unlösbares Problem, als schwierig, belastend oder strapaziös erschien, rief bei mir oft nur noch ein Achselzucken hervor. Mir fiel auf, daß ich bei vielen Dingen, über die ich mich früher wahnsinnig aufgeregt und echauffiert hätte, erstaunlich gelassen blieb. Wenn beispielsweise bei meinen Kommilitonen eine gewisse Seminaraufgabe Panik auslöste, oder die Äußerung eines bestimmten Professors Zorn, war das für mich im Grunde nur noch eine Bagatelle und nicht weiter der Rede wert. Zu viel hatte ich in Tautenhain durchmachen müssen, als daß mich noch irgend etwas aus der Bahn geworfen hätte. Dagegen riefen andere, noch so kleine und unscheinbare Dinge oft Glücksgefühle hervor. Wie freute ich mich plötzlich über jeden Sonnenstrahl, über Blumen auf dem Campus, die ich früher nicht einmal wahrgenommen hatte. Auch lockte diese Studentenzeit mit reichlich Abwechslung, nicht zuletzt mit rasanten Studentenparties. Allein der Fasching im Winter vor meiner NVA-Reserve in Seelingstädt dauerte eine ganze Woche und wurde Tag und Nacht durchgefeiert. Die Kunststudenten hatten mit viel Engagement und Hingabe die gesamte Hochschule in eine märchenhafte Geisterbahn mit abenteuerlichen selbstgemalten und -gebastelten Kulissen sowie Tanz und Unterhaltung in allen Etagen und Räumen verwandelt.

Es wimmelte an der Hochschule nur so von interessanten Menschen. Man hatte Zugang zu allen möglichen Kreisen und lief vor lauter Kumpels, Feten und Veranstaltungen manchmal sogar Gefahr, zu vergessen, daß man sich noch in der DDR befand, wiegte sich in trügerischer Sicherheit. Auch in Gesprächen unter seinesgleichen wurde nicht mehr so genau darauf geachtet, was über die Partei oder den Sozialismus geäußert werden durfte und worüber man unbedingt die Klappe zu halten hatte. So ließ ich mich öfter zu Leichtsinnigkeiten hinreißen, glaubte ich doch, dem Schlimmsten entronnen zu sein und ein Stück Freiheit wiedergewonnen zu haben. Diese Hochschulwelt schien als abgetrennte Enklave in dem Honeckerstaat zu existieren, in der vieles wesentlich lockerer funktionierte. Obendrein waren in der Bezirkshauptstadt Erfurt manche Dinge nicht ganz so schwierig zu bekommen wie in der Provinz. Zum Beispiel ließen sich hier mit Fortunas Hilfe sogar gelegentlich ein Kilo Pfirsiche oder eine heißbegehrte Jeans ergattern (nach langem Schlangestehen, versteht sich). Doch dann geschah etwas, das uns beide endgültig auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Von Claudias Bruder Mathias, der im zehnten Semester Medizin an der Medizinischen Akademie direkt gegenüber unserer Hochschule studierte, erfuhren wir folgendes: Mit Freunden hatte er vergangenen Abend in unserer Studentenkneipe seinen Geburtstag gefeiert. Nachdem schon einiges von dem erschwinglichen Erfurter Bier geflossen war, hatte sein bester Freund und Studienkollege Georg das Wort ergriffen und berichtet, daß er den halben Tag vergeblich versucht habe, simplen Tomatenketchup zu besorgen. Seinem Ärger Luft verschaffend äußerte er, ihn kotze das tägliche Schlangestehen und Umhergelaufe nach den Alltäglichkeiten des Lebens langsam an und er habe vor, »abzuhauen«. Diese Bemerkung ging in dem angeheiterten, ausgelassenen Treiben unter. Nach einer Dreiviertelstunde betraten plötzlich mehrere Männer das Lokal, die dort noch nie zuvor gesichtet worden waren. Ohne Umschweife und Pardon gingen sie auf Georg zu und verhafteten ihn wegen staatsfeindlicher Reden und öffentlicher Aufforderung zur Republikflucht. Eisiges Schweigen soll in dem Raum geherrscht haben. Daß sich in solch einer freundschaftlichen Runde ein Denunziant versteckt, daran hatte keiner geglaubt oder vielmehr glauben wollen. Ich durfte gar nicht darüber nachdenken, was ich in letzter Zeit alles schon leichtsinnig an Systemkritik von mir gegeben hatte. Spontan fiel mir in diesem Zusammenhang eines der Sprichwörter meines Vaters ein: ›Lieber ein Wort hinter der Zunge als vor der Zunge!‹ Ein Wunder, daß die Stasi mich noch nicht geholt hatte! Am liebsten wäre ich sofort abgehauen. Aber Claudia bat mich, die Semesterferien im Sommer wie geplant abzuwarten, weil dann genügend Zeit für alle Vorbereitungen bliebe. Außerdem wollte sie nur ungern auf den Abschluß ihres Studiums verzichten, mit dem sie im Westen ganz andere Berufsaussichten hatte. Das klang überzeugend, und so mußte ich zähneknirschend am 18. April nochmals einen ganzen Monat lang die bereits im »Sprutz« beschriebene Schinderei als NVA-Reservist, als »Resi«, in Seelingstädt bei Gera in Kauf nehmen. Diese wiederholte erniedrigende Freiheitsberaubung hinter Kasernenmauern gemahnte mich unerbittlich daran, an meinen Fluchtplänen festzuhalten, komme was wolle.

 

2

Manchmal, wenn ich mich allein und unbeobachtet wähnte, sang ich leise den Schluß der Rockballade »Albatros« vor mich hin. Besser als dieses Werk der DDR-Band Karat hätte ich meine Empfindungen nicht in Worte fassen können. Mit dem »Albatros« hatte es eine ganz besondere Bewandtnis: Schon im Jahre 1979 auf der AMIGA-LP »Über sieben Brücken« erschienen, wurde der Titel plötzlich im DDR-Rundfunk nicht mehr gespielt. Zu spät dämmerte den Stasi-Zensoren, daß dieses Lied bei jedem nur halbwegs aufmerksamen Hörer Freiheitssehnsüchte bis hin zu Fluchtgedanken wecken mußte. Der Musik wohnt in der Tat eine Macht inne, die mehr bewirken kann, als man vielleicht im ersten Moment zu glauben gewillt ist. Schon immer wurde sie auch gezielt zu Propagandazwecken eingesetzt – oft mit beträchtlichem Erfolg, wie »Marseillaise« oder »Internationale« zeigen.

Nachdem mir mein bester Freund Jumbo den mir bis dahin unbekannten »Albatros« zu Hause auf Schallplatte vorgespielt hatte, wurde er schlagartig zu meinem Fluchtlied. Es läßt sich nicht bestreiten, daß die genial komponierte Ballade mein Bedürfnis nach Selbstbestimmung massiv verstärkte. Mit ihrem bewegenden Text sprach sie mir aus der Seele und weckte die während der Tautenhainer Gefangenschaft intensiv durchlebten Gefühle aufs neue. Karat brachte es folgendermaßen auf den Punkt: Eingesperrt zu sein heißt letztendlich nichts anderes, als tot zu sein! Vor allem die letzte Strophe führte mir die düstere Zonen-Realität immer wieder plastisch vor Augen. Für mich bestand kein Zweifel, daß mit den »sich türmenden Wänden« die Mauer, mit den »Wolken aus Blei« der Kugelhagel der Mauerschützen gemeint war. Am Ende die ermutigende Botschaft, daß es sich lohnt, selbst gegen unüberwindlich scheinende Hindernisse anzukämpfen, um den Weg in die Freiheit zu finden. Jedesmal, wenn ich den »Albatros« hörte, fuhr es mir kalt über den Rücken. Dann sah ich mich schon mit dem Motorrad den Sperrgürtel zwischen Ungarn und Ex-Jugoslawien unter den Schüssen der Verfolger durchbrechen!

 

3

Zurück in Erfurt, genoß ich erleichtert aufatmend den herrlichen Frühling und die bereits vermißten kleinen Annehmlichkeiten des Studentenlebens. Und wieder war es interessant zu beobachten, wie unterschiedlich dieses Leben auf die »Gedienten« bzw. »Ungedienten« wirkte. Probleme wie Angst vor gewissen Dozenten oder Klausuren, die für Ungediente Grund zum Stöhnen oder zur Aufregung waren, entlockten uns »Resis« nur ein Lächeln. Uns konnte buchstäblich nichts mehr schocken. Fast nichts. Bis eine Hiobsbotschaft eintraf, die meinen Freund Jumbo betraf. Am 17. Juni, dem in der DDR zu feiern streng verbotenen »Tag der deutschen Einheit«, hatte er mit Freunden und Bekannten zu Hause in einem Lokal gesessen. Nach ein paar Bierchen wurden einige, darunter auch Jumbo, etwas zu leichtsinnig und sangen die Nationalhymne der BRD. Wenig später erfolgte der Zugriff seitens der Stasi. Allerdings kamen die Sänger nicht mit einfachem Gefängnisaufenthalt davon, sondern sie wanderten für drei Monate in ein Zuchthaus. Man stelle sich vor, was das bedeutet! Drei Monate unmenschliches Zuchthaus für die deutsche Nationalhymne! Augenblicklich mußte ich an Schwedt denken und was die dort inhaftierten DDR-Soldaten erleiden mußten. Jumbo tat mir unendlich leid, doch konnte ich in der Situation nicht das Geringste für ihn tun.

Erst Ende 1989 nach dem Fall der Mauer sah ich ihn wieder, doch über die traurige Zeit im Zuchthaus wollte er nicht sprechen. Er hatte sich völlig verändert. Tiefe Ringe um die Augen zeichneten sein Gesicht. Eine tiefe Falte hatte sich in die hohe Stirn gegraben. Sein Humor, seine Lebensfreude und der ihm eigene, ungetrübte Optimismus waren, ähnlich den Rückkehrern aus Schwedt, einer grübelnden Schweigsamkeit gewichen. Nach diesen Vorfällen, so waren Claudia und ich uns einig, sollte es keinen Aufschub der Flucht mehr geben. Die »Diktatur des Proletariats« hatte wieder ihre häßliche Fratze gezeigt, und aufs neue überkam mich das Gefühl, man wolle den Bürgern die Luft zum Atmen nehmen. Konnte man etwa reinen Gewissens in solch einen Überwachungsstaat am Ende noch Kinder setzen? Aber wie würde es uns im Falle einer geglückten Flucht dann berufsmäßig im anderen Deutschland ergehen? Würde Claudia ihre angestrebte Dissertation fortsetzen und ich ein ähnliches Studium beginnen können? Und wovon sollten wir anfangs leben? Schnell wurde uns klar, daß wir endlos weiter Gefahren und Chancen, Für und Wider gegenüberstellen würden, wenn wir nicht bald handelten – im festen Vertrauen auf unser Glück und in unsere Fähigkeiten.

Kurz darauf unterbreitete ich Claudia meine Fluchtvorstellungen. Von einem Ungar namens András, den wir noch vor meinem Wehrdienst in unserem letzten Ungarnurlaub kennengelernt hatten und dem wir vertrauten, wußte ich, daß er als einzige reelle Fluchtchance die Grenze Ungarns zum damaligen, noch geeinten Jugoslawien betrachtete. Er hatte mir erklärt, die Grenze bestünde im großen und ganzen nur aus einem umgepflügten Ackerstreifen ohne Zäune und Gräben, natürlich gespickt mit Wachtürmen. In meinem jugendlichen Leichtsinn glaubte ich, daß es doch für mich als geübten Motocross-Fahrer möglich sein müßte, mittels eines Motorrades mit abmontierter Nummerntafel und Claudia als Sozius die Hindernisse zu überwinden und potentielle Verfolger abzuschütteln. Mit einer darauffolgenden, gleichartigen Blitzaktion hoffte ich, von Jugoslawien aus die österreichische Steiermark zu erreichen. In Jugoslawien durften wir auf keinen Fall in die Hände der Obrigkeit fallen, denn diese hätte uns mit Sicherheit wieder an die DDR ausgeliefert und dann gute Nacht Zukunft! Unwohl war mir bei dem Gedanken, gleich zweimal die jugoslawische Grenze überwinden zu müssen. Aber das schien mir immer noch besser, als die direkte Flucht von Ungarn nach Österreich zu riskieren, wo es einen ähnlich stark bewachten eisernen Vorhang wie in der DDR gab, mit Ausnahme der vorgelagerten Minenfelder. Sicherlich würden wir erst vor Ort genauere Vorstellungen über das Wann und Wie bekommen, aber darin bestand eben das Abenteuer. Ich schlug also vor, für diese Pläne das leistungsstärkste in der DDR erhältliche Motorrad, eine MZ ETZ 251, zu kaufen und schnellstmöglich wieder ein Ungarn- Urlaubsvisum für den Sommer zu beantragen, damit wir nicht noch ein Jahr länger auf die nächste Möglichkeit warten mußten. Die Sache mit dem Motorrad war nicht so einfach, denn allein hätte ich es nicht einmal beim Verkauf meiner 125er-MZ geschafft, die finanziellen Mittel aufzubringen. Die noch fehlende andere Hälfte der nötigen 5500 Ostmark, (ein Vermögen, das dem Jahreslohn einer Verkäuferin entsprach) borgten uns Claudias Eltern, ohne daß sie etwas von unseren Plänen ahnten. Auch meine Eltern hatten keinen blassen Schimmer. Nach vier Wochen Wartezeit auf die ETZ 251 hielt ich endlich die ersehnten Schlüssel in Händen. Das vorausgegangene Prozedere war wieder DDR-typisch verlaufen. Nur in größeren Städten gab es ein »IFA«-Verkaufsgeschäft für Motorräder und Mopeds einschließlich deren Ersatzteile. Und von wegen kundenfreundlich! Wie auch in fast allen anderen DDR-Geschäften wurde man hier von oben herab wie ein lästiger Bittsteller behandelt. Hier war nicht der Kunde König, sondern der Verkäufer, derjenige, der an der ohnehin dürftigen Quelle saß. Fragte man nach irgendeinem noch so simplen oder billigen Ersatzteil, folgte sofort ein genervt verneinendes Kopfschütteln oder ein »Hamma nich«. Auf die meist nachfolgende Frage, wann denn überhaupt mal wieder mit einer Lieferung zu rechnen wäre, bei der nur selten ein Rest an Hoffnung bestand, daß sie den gewünschten Artikel auch enthielt, erntete man nur Achselzucken. Ersatzteile jeglicher Art waren derartige Mangelware, daß man auf der Suche danach von Bezirksstadt zu Bezirksstadt pilgern mußte, um schließlich seine letzte Hoffnung auf die etwas besser belieferte Hauptstadt zu setzen. In trauriger Resignation und Hilflosigkeit griffen dann nicht wenige Jugendliche zum äußersten Mittel: Sie stahlen bzw. demontierten einfach die benötigten Teile beim nächsten, wie ich am eigenen Leib erfahren mußte, als die Tachometerwelle meines Mopeds Simson S50 zum x-ten Male verschwand.

Das Interessante einer anderen Stadt waren also nicht etwa Kultur oder historische Bauwerke, sondern es handelte sich um das bereits erwähnte IFA-Geschäft. Erst, wenn man(n) dort erfolglos nach seiner heißbegehrten Tachowelle oder einem Trabi-Auspufftopf gefragt hatte, war der Kopf wieder frei für Sehenswürdigkeiten oder andere Belange. Eine bewährte Möglichkeit, am Ende doch relativ zügig an das rare Ersatzteil zu gelangen, darf nicht verschwiegen werden: Westgeld! Kaum drückte man einem Werkstattbesitzer ein DM-Scheinchen unauffällig in die Hand, tauchte plötzlich aus unerfindlichen Quellen das Objekt der Begierde auf. Doch wehe dem armen Schlucker, der diesen letzten Trumpf nicht besaß und keine Westverwandtschaft aus dem Ärmel zaubern konnte. Als Zugehöriger eben dieser Bevölkerungsschicht gelang es mir letztendlich nur mit Mühe, mich selbst von einem Tachowellen-Diebstahl abzubringen. Fortan blieb mir nichts anderes übrig, als die gefahrene Geschwindigkeit grob zu schätzen.

Beim Kauf unserer ETZ in Erfurt nun hieß das Motto nicht etwa anschauen, auswählen, ausprobieren und dann kaufen, sondern nehmen, was gerade noch da ist. Von wegen verschiedene Fahrzeugausstattungen oder gar Farben! Es gab zu diesem Zeitpunkt nur eine einzige Fahrzeugausstattung in rot. Wem das nicht paßte, der mußte wieder wochen-, wenn nicht gar monatelang auf eine eventuelle Neulieferung warten. Als ich feststellte, daß das Hinterrad der einzigen noch verbliebenen 250ccm-ETZ eine Acht aufwies und diverse Kratzer und Abschürfungen die Lackierung zierten, warf mir der Verkäufer entgegen: »Seien Sie doch froh, daß Sie jetzt im Sommer überhaupt noch eine bekommen. Ansonsten warten Sie eben wieder bis zum Herbst!« Was blieb mir also anderes übrig? Beglückt darüber, wenigstens nicht leer ausgegangen zu sein, machte ich mich zu Hause an die Sisyphusarbeit, die Acht im Hinterrad per Hammer und Holzklotz sowie langwieriger Nachregulierung der Speichen einigermaßen auszumerzen. Dabei muß der Fairneß halber noch angemerkt werden, daß es um die Zweiradversorgung in der DDR ja regelrecht erstklassig bestellt war im Vergleich zum Angebot an vierrädrigen Vehikeln. Auf seinen Trabi oder Wartburg mußte man nämlich mindestens 18 Jahre warten, so daß ein Vater in jedem Fall gut daran tat, seinen Sohn gleich nach der Geburt anzumelden, selbst wenn sich schon absehen ließ, daß zum Zeitpunkt des Fälligwerdens der Zuteilung ein schwarzes Loch in der Familienkasse gähnen würde. Schließlich konnte man in diesem Fall das Auto ja immer noch mit kurzfristig geborgtem Geld erwerben, um es sogleich für eine üppige Prämie an das Heer der Wartenden weiterzuverkaufen! Selbstredend, daß dem »Kunden« bei der offiziellen PKW-Zuteilung so gut wie kein Mitspracherecht bei Ausstattung oder Lackierung eingeräumt wurde. Statt dessen durfte er sich schon glücklich schätzen, überhaupt irgendwann einen fahrbaren Untersatz sein eigen nennen zu können.

 

4

So fuhr ich Ende Juli voller Freude und Optimismus kraft meiner 21 PS unter dem Hintern auf dem Hochschulgelände vor. Das sorgte für ungefähr den gleichen Effekt, als würde heutzutage jemand mit einer Harley Furore machen. Aber zum Genießen blieb nicht viel Zeit, die »Reisevorbereitungen« drängten. Eine innere Stimme sagte mir, ich solle das feuerrote Motorrad zusätzlich noch besser gegen Diebstahl schützen, als es das eingebaute primitive Lenkerschloß zuließ. So machte ich mich daran, unter der Sitzbank einen völlig verborgenen und schwer zugänglichen Geheimschalter anzubringen, der den Zündstromkreis unterbrechen konnte. Außerdem montierte ich zwei sündhaft teure regengeschützte und abschließbare »Pneumant«- Seitenkoffer für unser Gepäck. Dieses beschränkte sich auf das Allernötigste. Für die erste Zeit im Westen besaßen wir als Startkapital genau 200 DM, die uns Claudias Großmutter geschenkt hatte.

Als nächstes mußten wir überlegen, wen aus der Familie wir in unser Vorhaben einweihen sollten. Unsere Eltern wollten wir einfach nicht damit belasten. Meine Mutter hätte garantiert über Nacht graue Haare bekommen und keine ruhige Minute mehr gehabt. Schweren Herzens fiel die Wahl auf meine noch sehr rüstige, absolut verläßliche und zutiefst mit mir verbundene Großmutter. Sie war nach dem viel zu frühen Tode meines Großvaters der einzige Mensch in der Familie und im Freundeskreis, der ausführlich über das Leben und die Realität im Westen erzählen konnte. Ihre zahlreichen bildhaften Schilderungen von positiven Eindrücken und Erlebnissen im anderen Deutschland hatten nicht zuletzt ihren Teil zu meiner Entscheidung beigetragen. Da Rentner bekanntlich in den Westen reisen durften, sollte sie auch unsere Verbindungsperson für die Zeit nach der Flucht werden. Auch so wichtige Papiere wie Gesellenbrief, Studienbuch und sämtliche Zeugnisse übergab ich ihr zur sicheren Aufbewahrung, um für den beruflichen Anschluß in der Bundesrepublik Nachweise für Anrechnungszeiten zu haben. Bei einem späteren Besuch in unserer neuen Wunschheimat könnte sie die Papiere hinüberschmuggeln, so war meine Hoffnung. Um das Risiko einer Entdeckung zu streuen, wählte Claudia für ihre Zeugnisse und Papiere einen anderen Weg. Ihre Familie hatte nämlich Verwandtschaft im Rheinland, welche alljährlich im Sommer zu Besuch anreiste. Diesen Umstand nutzte Claudia, indem sie für das in Kürze wieder bevorstehende Zusammentreffen eine große Plüschmaus präparierte: Nach und nach hatte sie Dokumente wie Führerschein und verschiedene Ausweise als verloren gemeldet und neue Exemplare beantragt. Von Zeugnissen ließ sie Kopien anfertigen und nähte dann alles schön säuberlich in die Maus mit dem frechen Gesicht ein. Noch nicht einmal der Verwandtschaft, welche das Corpus delicti dann ahnungslos über die Grenze ins heimische Rheinland mitnahm, erzählte sie von dem brisanten Inhalt. Statt dessen hatte sie Onkel und Tante nur eindringlich gebeten, die Maus nicht zu verschenken und als Andenken an sie aufzubewahren.

An dieser Stelle sei auch gesagt, daß Claudia und ich uns niemals dazu hätten durchringen können, Eltern und Familie auf Nimmerwiedersehen zu verlassen, ohne daß ein Hintertürchen für gelegentliche Treffen geblieben wäre. Ein Ostblockland nämlich durften DDR-Bürger auch ohne die sonst üblichen Visa, nur mit Personalausweis bereisen: die Tschechoslowakei. Ehemalige DDR-Flüchtlinge wurden dort nicht verhaftet, vorausgesetzt, sie konnten schon einen bundesdeutschen Paß vorweisen. An dieses Schlupfloch klammerten wir unsere Hoffnungen.

Meine Großmutter fiel aus allen Wolken, als ich sie am zweiten August in unsere Pläne einweihte. Hin- und hergerissen zwischen Angst und Bewunderung für unseren Mut, kämpfte sie tapfer mit den Tränen. Ich mußte mich mit aller Macht zusammennehmen, um nicht von meinen Gefühlen übermannt zu werden. Schließlich war ich die ersten beiden Lebensjahre bei meinen Großeltern aufgewachsen, während meine Eltern noch in Berlin studierten und lebten. Und meine herzensgute Oma war von Beginn an wie eine zweite Mutter für mich dagewesen. Immer wieder versuchte ich sie damit zu trösten, daß sie uns ganz häufig besuchen kommen könne, denn nach einer gelungenen Flucht würden wir jede gebotene Möglichkeit nutzen, uns in Thüringer Grenznähe niederzulassen. So sehr Großmutter auch unter der Nachricht litt, konnte sie unseren Entschluß doch verstehen. Schließlich fuhr sie einmal im Jahr per Zug über die bestbewachteste Grenze der Welt. Auf diesen Reisen zu Freunden im Schwarzwald sah sie jedesmal die Stacheldrahtverhaue, ahnte die heimtückischen Selbstschußanlagen und Minenfelder und wünschte sich von Herzen, ihre Familie auch eines Tages in den freien Teil der Welt mitnehmen zu dürfen. Eines schärfte ich ihr ganz besonders ein: Meine Eltern um jeden Preis nach gelungener Flucht dazu zu bewegen, sich bei den mit Sicherheit auf sie zukommenden Verhören seitens der Stasi von ihrem »mißratenen « Sohn offiziell zu distanzieren und loszusagen. Sie sollten dann so glaubhaft wie möglich beteuern, sich überhaupt nicht erklären zu können, wie der Sohn von ihnen und der Familie unbemerkt derart auf die falsche Bahn geraten konnte. Ich wußte, daß dies unvermeidlich war, wollte meine Mutter ihren Job als Lehrerin behalten und ein Leben in einigermaßen geordneten Bahnen weiterführen.

 Für die unmittelbaren Vorbereitungen wählten wir einen Zeitpunkt in den Sommerferien, an dem meine Eltern nicht zu Hause waren. Meine Mutter in ihrer Funktion als Klassenleiterin befand sich mit ihrer wilden Horde für zwei Wochen auf Arbeitseinsatz in Friedrichswerder, in dem für alle Schüler obligatorischen »Lager für Arbeit und Erholung«. Die Jungen mußten dort Zäune streichen, während die Mädchen auf den Feldern arbeiteten. Deshalb bekamen meine Eltern von unseren Aktivitäten rein gar nichts mit, während Claudias Familie annahm, wir führen ganz normal in den Urlaub. Doch die Zeit drängte. Jetzt hieß es wahrhaftig langsam Abschied nehmen. Dummerweise verschlechterte sich die Großwetterlage zusehends und wir mußten befürchten, unterwegs in einen Regen zu kommen. Daß das ohne professionelle Schutzkleidung auf einer so weiten Strecke nicht gerade angenehm ist, weiß jeder Motorradfahrer. So schlug ich Claudia vor, mit dem Zug bis Bratislava zu fahren. Dort wollte ich sie abholen, um ihr die vielen Stunden auf der nicht gerade bequemen MZ-Sitzbank zu ersparen. Schließlich würde das Zweiradabenteuer noch aufreibend genug sein.

 

5

Am frühen Morgen des 4. August 1988 war es dann soweit. Den Gedanken, daß es ein endgültiger Abschied von der Heimat sein könnte, verdrängte ich geflissentlich. Ein letzter Blick auf mein Heimathaus und die vertraute Umgebung, dann startete ich die vollbepackte Maschine und fuhr in Richtung Ungewißheit davon. Schon 50 Kilometer hinter Eisenach auf der Autobahn Richtung Dresden ging der erste Regenguß nieder, und ich mußte unter einer Brücke Zuflucht suchen. Natürlich war mein erster Gedanke: ›Das fängt ja gut an! Hoffentlich ist das kein Omen für den weiteren Verlauf.‹ Umkehren kam aber nicht mehr in Frage, außerdem bestieg Claudia gerade den Zug und war in der handylosen Zeit nicht mehr aufzuhalten. Als ich am Nachmittag die tschechische Grenze überquerte, setzte auch noch Dauerregen ein, und ich begann zu frieren. Nach dem bissigen preußischen Motto: »Ein echter Deutscher friert nicht, er zittert nur vor Wut, daß es nicht noch kälter ist«, schlitterte ich bis zur Dämmerung weiter über teilweise schon stark überschwemmte Straßen. Dann suchte ich mir inmitten eines Waldes ein höhergelegenes Fleckchen, wo ich mein Zweimannzelt, ein winziges »Hundehüttchen«, aufstellen konnte – in dem strömenden Regen kein reines Vergnügen. Die Nähte waren wohl nicht für einen solchen Dauerregen konzipiert und sorgten dafür, daß es fleißig und schön gleichmäßig auf mich herabtropfte. Vor Nässe und Kälte gelang es mir dann auch kaum, ein wenig Schlaf zu finden. Ich mußte daran denken, daß sich am nächsten Tag Claudias rheinländische Verwandtschaft mit der Maus im Gepäck auf den Heimweg machen würde, hoffentlich unbehelligt von den Schnüfflern an den Sperranlagen. Sollten die Papiere tatsächlich entdeckt werden, wären wir schon außerhalb des unmittelbaren Zugriffbereiches der Stasi. Während ich mich auf meiner Luftmatratze hin und her wälzte, tauchten alle möglichen Bilder aus dem DDR-Alltag vor mir auf. Heute ist es kaum noch vorstellbar, was wir alles an Erfindergeist und Organisationstalent entwickeln mußten, wollten wir auch ein wenig an den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts teilhaben. Kaum zu glauben, wie ich mir beispielsweise aufgrund fehlender Produkte im Handel meinen ersten eigenen Radiowecker selbst hergestellt hatte: Am Räderwerk eines primitiven Aufziehweckers mit Plastikgehäuse montierte ich einen Schaltkontakt aus Kupfer und legte die eingebaute Klingel still. Immer dann, wenn der Klingelalarm ausgelöst worden wäre, schloß der Kupferkontakt den 220V-Stromkreis zu meiner Stereoanlage. So wurde ich endlich sanfter geweckt, ohne gleich vor Schreck aus dem Bett zu fallen. Für DDR-Verhältnisse war das ein Riesenfortschritt! Apropos Stereoanlage: Für den Normalbürger ohne Westgeld sah der sozialistische Handel bis Mitte der 1980er Jahre nur drei oder vier extrem überteuerte Modelle vorsintflutlicher Kassettenrecorder aus DDR-Produktion vor. Wenn die sogenannten »RFT-Geschäfte« wenigstens einen vernünftigen und dazu erschwinglichen Verstärker als Zusatzkomponente angeboten hätten, wäre der Klang dieser traurigen Leierkästen noch etwas annehmbarer gewesen. So blieb mir am Ende wiederum nichts anderes übrig als Marke Eigenbau. Ohne meine Hobbybastelei in Sachen Elektronik wäre das Vorhaben nur ein Traum geblieben. Das allergrößte Hindernis bestand jedoch darin, einen Trafo zu besorgen, der ausreichend groß dimensioniert war, um die hohen Ströme zu verkraften, wenn man Baßregler und Lautstärke aufdrehte. Und woraus bestand so ein Transformator? Natürlich zum größten Teil aus Kupferdraht. Metalle aber waren in der DDR äußerst schwierig zu bekommen, da sie mittels teurer Devisen importiert werden mußten. Deshalb gab es in den seltenen Hobbyelektronikläden selbstverständlich auch keine größeren Trafos zu kaufen. Fast hatte ich schon aufgegeben, als mir doch noch das Glück zu Hilfe eilte. Der Vater eines Freundes arbeitete als Lehrmeister in der Lehrwerkstatt des FER (Fahrzeugelektrik Ruhla). Nur dort kam er halb illegal an dicken Kupferdraht heran und wickelte mir mit Hilfe einer speziellen Maschine den ersehnten Trafo nach Feierabend. Diese Aktion stand unter dem buchstäblichen Leitspruch: »Aus unseren sozialistischen Betrieben ist noch viel herauszuholen!« (Diese Worte stammten aus einer Parteitagsrede Erich Honeckers). Während meiner Lehre hatte ich oft Gelegenheit zu beobachten, wie die Leute nach diesem Slogan handelten, indem sie mit nach Hause nahmen, was nur irgend möglich war. In der Mangelgesellschaft Sozialismus konnte man es niemandem verdenken. Außerdem waren die Firmen ja »Volkseigentum«.

Erst als ich den schweren Trafo in Händen hielt, konnte ich mich an die eigentliche Arbeit machen und die Leiterplatten ätzen, bestücken und löten. Die begehrten integrierten Schaltkreise für die Verstärker-Endstufe mußte ich mir aus der Tschechoslowakei besorgen. Noch im Sommer 1985, vor meiner Einberufung nach Tautenhain, hatte ich den Kasten fertiggestellt. Auf dieses Gerät war ich sagenhaft stolz! Nie werde ich vergessen, wie ich manches Mal die ebenfalls selbstgebauten Lautsprecherboxen nachmittags auf die Fensterbank stellte und mit dem »Albatros« die Nachbarschaft beschallte, so laut es ging. Den Höhepunkt seiner Karriere erlangte mein Verstärker dann im Erfurter Studentenwohnheim. Meine Kommilitonen wußten von diesem Power-Kasten und drängten mich regelrecht, damit eine interne Fachbereichs-Disco zu ermöglichen. Kein anderer Student an unserer Hochschule besaß einen Verstärker mit solcher Leistung, und deshalb konnte ich auch schwer nein sagen. Im Clubraum des obersten Geschosses avancierte ich von heute auf morgen zum gefeierten DJ. Aufgrund des großen Erfolges bat man mich um baldige Wiederholung. Schon beim zweiten Mal gefiel mir die DJ-Rolle so gut, daß ich schnell etwas zu übermütig und leichtsinnig wurde. Nachdem ich schon ein paar Drinks intus hatte, holte mich Claudia hinter meiner Anlage hervor und nahm Kurs auf die überfüllte Tanzflächenmitte. Währenddessen lief eine meiner vielen, in jahrelanger Kleinarbeit mühselig Titel für Titel vom Westradio mitgeschnittenen Kassetten. Alles schien in bester Ordnung. Doch dann stockte mir jäh der Atem! Um Himmels Willen!!! Wie ein Angesengter riß ich mich von Claudia los, zerteilte die wogende Menge, um so schnell wie möglich mein Kassettendeck zu erreichen. Buchstäblich im letzten Moment hieb ich die Stoptaste hinein und konnte damit gerade noch die nächsten entscheidenden Textzeilen verhindern, die mir so viel bedeuteten, mich jedoch beinahe in Teufels Küche, wenn nicht in den Knast gebracht hätten. Der in der DDR verbotene Titel »Frühling in Berlin« des bekannten österreichischen Liedermachers Rainhard Fendrich befand sich mit auf dieser Kassette, worauf ich in Anbetracht der fortgeschrittenen Stunde und der Wirkung des Alkohols nicht mehr aufmerksam genug geachtet hatte. Neben dem »Albatros« kannte ich kaum einen Titel, der so treffend unsere anscheinend hoffnungslose Situation im Osten auf den Punkt brachte. Denn frei von Mielkes Zensur lautet der Text:

Soldaten stehen treu,
der Himmel sinkt wie Blei
und eine Fahne weht,
der Wind hat sich gedreht.

Darf man hinüberschaun,
und dem Gerede traun,
von einer schönen Welt,
hinter dem Minenfeld?

Vor einem Stacheldraht,
ist Zweifel schon Verrat,
nur einen kleinen Blick,
und wieder schnell zurück!

Und am Abend ist über der Stadt dieser Schein.
Viel zu grell, unerreichbar und schön,
und man sieht irgendwo
eine Fahne im Westwind weh´n.

Es klingt so wunderbar,
ist nichts von allem wahr,
kann dieser helle Schein,
denn eine Heimat sein?

Fühlt man sich wirklich satt,
wenn man von allem hat,
ist es beneidenswert,
hat wer vom Glück gehört?

Als sich der Schreck langsam gelegt und mein Adrenalinspiegel wieder erträgliche Werte erreicht hatte, machte sich nur ein Gedanke in mir breit: »Wie gerne hätte ich allen anwesenden Kommilitonen diesen Song in voller Länge vorgespielt!« Dennoch bereiteten mir jene Disco-Abende viel Freude und fanden an der Fakultät großen Anklang. Befände ich mich nicht gerade auf der Flucht, hätte ich sicherlich im nächsten Semester noch öfter DJ gespielt …

Im Morgengrauen machte ich mich wie gerädert und steifgefroren wieder auf Achse. Pünktlich zur Mittagszeit traf ich am Bahnhof von Bratislava ein, und endlich hörte auch der Regen auf. Glücklich darüber, daß ich Claudia diese Unannehmlichkeiten gleich zu Beginn der Aktion hatte ersparen können, schloß ich sie wieder in meine Arme. Jetzt brauchten wir nur noch unser gesamtes Gepäck an der MZ zu verzurren. Wenig später fuhren wir gemeinsam weiter Richtung tschechisch-ungarischer Grenze. Am Grenzübergang gab es erstaunlicherweise keine Probleme, die Posten fanden hauptsächlich Gefallen daran, Claudia anzustarren. Und als Willkommensgruß wölbte sich hinter der Grenze strahlend blauer Himmel. Das sonnig-heiße Land der Ungarn empfing uns von seiner schönsten Seite. Ich genoß es sehr, Claudias Hände verschlungen an meinem Bauch zu spüren. Endlich wurde mir wieder innerlich wie äußerlich warm. Irgendwie fühlten wir uns schon jetzt ein ganzes Stück freier, und schlagartig tauchten auch wieder die glücklichen Erinnerungen unseres letzten Urlaubs hier auf. Sonnenblumenfelder bis zum Horizont, am Straßenrand zum Verkauf aufgetürmte Wassermelonen und stiegenweise große, vor Saft und Reife platzende Pfirsiche zauberten augenblicklich das von uns DDRlern so ersehnte südliche Flair herbei. Beim Anblick der begehrten Früchte lief einem schier das Wasser im Munde zusammen, wie ausgehungerte Wölfe fielen wir über diese Köstlichkeiten her.

 

6

Unser erstes Ziel war das Haus András am Plattensee. Ihn wollten wir gleich zu Beginn über die aktuelle politische Lage in Ungarn und über eventuelle wichtige Neuigkeiten und Veränderungen befragen. Solche Informationen waren Gold wert, da in der DDR fast nicht zu bekommen. Seine Telefonnummer und Adresse hatte er uns 1985 gegeben und uns herzlich eingeladen, ihn in seinem Haus zu besuchen, welches er als selbständiger, talentierter Schlossermeister (auf ungarisch »Lakatosmester«) von Grund auf selbst gebaut hatte. Dieses Angebot nahmen wir nun dankbar an. Der blondgelockte, stämmige András Glück (nomen est omen) und seine Frau Susa empfingen uns wie alte Freunde. Und als wäre es das Selbstverständlichste auf der ganzen Welt, bestanden sie sogar darauf, uns für die Dauer unseres Aufenthaltes in Ungarn bei sich einzuquartieren. András war deutscher Abstammung und mochte uns daher anscheinend besonders. Er betonte immer wieder, wie wichtig für ihn und seine Zukunftspläne die Beherrschung der deutschen Sprache wäre, wollte er doch mit österreichischen Partnern Geschäfte machen. Unsere Anwesenheit nutzte er für die sprachliche Praxis. Immer wieder schlug er eifrig in seinem Wörterbuch nach, sobald wir verständigungsmäßig in einer Sackgasse steckenblieben. Man konnte András mit Fug und Recht als Allrounder bezeichnen. Aus Schrotteilen hatte er sich einen uralten Ford Capri aus den 1960er Jahren zusammengeschweißt, Verfallsdatum siehe Bodenblech. Teile, die es im Osten nicht gab, stellte er selbst her. Das Haus der beiden war eine Augenweide, für sozialistische Verhältnisse ein Palast. Obwohl sie fast Tag und Nacht daran arbeiteten, fanden sie immer noch reichlich Zeit für ihre beiden aufgeweckten Kinder von 5 und 7 Jahren. Nachdem wir uns am Abend in gemütlicher, herzlicher Atmosphäre bei einer Flasche fruchtigen Balaton-Rotweines ausgetauscht hatten, kamen wir zur Sache. Als András hörte, daß wir die Flucht über Jugoslawien planten, schüttelte er heftig den Kopf. Mit seinen sonst so leuchtend hellblauen Augen schaute er uns traurig an und riet dann eindringlich von unserem Vorhaben ab. Er berichtete, daß sich seit unserem Kennenlernen 1985 viel verändert habe, was die politische Lage und besonders das Verhältnis Ungarns zu Jugoslawien anbelange. Die Grenze zu diesem Land sei mittlerweile aufgrund von Streitigkeiten, ausgehend von Jugoslawien, strengstens bewacht und durch Militär verstärkt. Keine Maus komme da mehr durch. Die Sache mit dem Motorrad könnten wir in jedem Fall vergessen. Er legte uns regelrecht ans Herz, die Fluchtpläne noch einmal zu überdenken, doch bemerkte schnell, daß wir wahnsinnig enttäuscht waren, aber nicht so recht an Aufgabe dachten. Schließlich schlug er vor, das Motorrad bei ihm zurückzulassen und zu Fuß die direkte Flucht nach Österreich zu versuchen.

Niedergeschlagen gingen wir wenig später zu Bett, unsere Pläne waren ins Wanken geraten. Diskutierend und grübelnd fanden wir kaum Schlaf. Alle möglichen Bilder zum Thema Grenze flackerten durch meinen Kopf. Wie besessen hatte ich schon als Halbwüchsiger zusammen mit Jumbo unzählige Male per Moped Erkundungsausflüge in das grenznahe Gebiet unternommen. Schon damals ging es mir zutiefst gegen den Strich, den Rest meines Lebens innerhalb des allgegenwärtigen Zaunes verbringen zu müssen. Mit welchem Recht sperrte man uns hier ein? Das Land hinter dem »Ende der Welt« mit all seinen Möglichkeiten beflügelte meine Phantasie mit erstaunlicher Kraft und Vielfalt. Wie riesige Magnete zogen mich die Berge in Grenznähe magisch an. In der thüringischen Rhön, deren Morphologie von uralten Vulkankegeln geprägt ist, hatten wir uns nach und nach die höchsten dieser Erhebungen vorgenommen. Krönte dann noch ein Fernsehumsetzer der Post die Bergkuppen, war das ganz nach meinem Geschmack. Von der schwankenden Plattform dieser Türme schaute man in luftiger Höhe über die höchsten Baumwipfel hinweg ins »gelobte Land«. Nachdem wir uns jeweils vergewissert hatten, daß die Luft rein war, kletterten wir über die hohe, mit Verbots- und Warntafeln versehene Umzäunung, bis wir am Fuße des Stahlgerüstes standen. Um unerwünschten Eindringlingen wie uns die Besteigung des Turmes zu verwehren, hatte man das untere, über zwei Meter lange Stück der Leiter mit einem glatten Abdeckblech versehen und per Schloß gesichert. Dennoch stemmten und hangelten wir uns unter gegenseitiger Hilfestellung daran vorbei, bis wir oberhalb des Bleches wieder die Leiter erreichten. Je weiter man in schwindelerregende Höhen zur Spitze vordrang, desto stärker schwankte der Turm. Die Aussicht von dort oben war jedes Mal ein beeindruckendes Erlebnis, das uns tief in seinen Bann zog. Schwenkte man den Feldstecher etwas zu weit Richtung Osten, dann tauchte, schon wieder bzw. noch auf DDR-Gebiet liegend, wie zum Hohn ein Dorf mit dem verheißungsvollen Namen Bremen auf. Jedes mit dem Glas erkennbare Detail sogen wir förmlich ein. Wir beobachteten aufmerksam das Labyrinth aus grauen Zäunen, verfolgten die 5-Kilometer-Sperrzone bis zum Beginn des berüchtigten 500-Meter-Streifens. Sogar auf diesem Flecken lagen teilweise Ortschaften. Wie mußte man sich erst fühlen, wenn man dort wohnte und tagtäglich kontrolliert wurde? Nach und nach sollten DDR-Plänen zufolge all jene Alteingesessenen weiter ins Landesinnere umgesiedelt werden. Dieses Gebiet unmittelbar vor Augen, wanderten meine Gedanken jedesmal wie magisch zu einem unserer Familie bekannten Arzt, der in diesem Hochsicherheitsareal sein Haus hatte. Bei Nacht und Nebel war ihm mit Hilfe seines Heimvorteils und daraus resultierenden genauen Ortskenntnissen die Flucht geglückt. Nach Monaten der Ungewißheit gelang es ihm, Frau und Kind im Zuge der Familienzusammenführung nachzuholen, doch das mühsam erbaute Haus, Auto und Sachwerte fielen in die Hände der Stasi. ›Wenn er es geschafft hat, können es auch andere schaffen!‹ machte ich mir selbst Mut. Auf meine Frage, ob er sich einen Fluchtversuch vorstellen könnte, schüttelte Jumbo resignierend den Kopf. Der Anblick der zu unseren Füßen liegenden, drohenden Sperranlagen hatte wohl sein übriges getan. Die tschechische Spielart des eisernen Vorhangs, so hatten wir von Freunden gehört, wartete zudem noch mit einer ganz besonderen Attraktion auf: Ein 380.000-Volt-Hochspannungszaun! Ob der zu diesem Zeitpunkt noch in Betrieb war, entzog sich meiner Kenntnis, jedenfalls stand mir nicht der Sinn danach, mich selbst als Grillfleisch anzubieten. So träumten wir uns vorerst über die Zäune hinweg in die gleich dahinter beginnende Freiheit.

Und jetzt, acht Jahre später hier in Ungarn, hofften Claudia und ich, unsere Träume in Realität zu verwandeln. Aber wie sollten wir es zu Fuß nach Österreich schaffen, über eine Grenze, bewacht wie die Mauer in Deutschland, mit ebenfalls vorgelagertem, streng kontrolliertem Sperrgebiet einschließlich elektronischen Signalzäunen, Stacheldraht, Gräben, Wachtürmen, Hunden, Scheinwerfern und vielen anderen netten Kleinigkeiten? Da konnten wir uns gleich den Todesstreifen bei Creuzburg vornehmen um uns entweder niederschießen oder einsperren zu lassen! Ein Jahr später wäre die Lage an der ungarischen Grenze schon viel besser gewesen, doch wer konnte das damals ahnen?

 

7

Am nächsten Tag fuhren wir die 20 km nach Balatonfüred zum Baden, um gründlich über unsere weitere Vorgehensweise zu beratschlagen. Aber so richtige Urlaubsstimmung wie 1985 wollte nicht aufkommen. Zu sehr saß uns das Problem im Genick. Nach und nach machte sich ein Gedanke in mir breit: Ich beabsichtigte, mit der MZ in die Nähe des Grenzgebietes zu Österreich zu fahren, mich dort mit dem Fernglas durch die Büsche zu schlagen und auf die Lauer zu legen. Direkt vor Ort, die Türme in Sichtweite, wollte ich mir Gewißheit über die Lage verschaffen. Vielleicht gäbe es ja doch eine Chance, und wir könnten anschließend wenigstens mit der Gewißheit wieder in die »Zone« zurückkehren, alles versucht zu haben.

Gedacht, gesagt, getan. Am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe brachen wir ohne unser Gepäck, nur mit Papieren, Fernglas und Proviant versehen, Richtung Grenze auf. Was den Verkehr auf einigen Landstraßen anbelangte, schienen hier analog zur Heimat auch noch Großvaters Zeiten zu herrschen: ab und an mal ein Auto, keinerlei Hindernisse. So kamen wir gegen Nachmittag in der Nähe der ungarischen Ortschaft Köszeg an. Gegenüber auf österreichischer Seite lag das ersehnte Burgenland. Die Wahl fiel aus zwei Gründen auf diesen Grenzabschnitt. Vor allem, weil uns Josef, ein guter Freund András, der am Abend zuvor noch auf Besuch vorbeigekommen war, dazu geraten hatte. Josef, der seit ein paar Monaten als Autoschlosser in Wien arbeitete, fuhr jede Woche nach Österreich. Für die eigenen Landsleute also hatte die ungarische Regierung die Reisebestimmungen in jüngster Zeit erheblich gelockert; ein ungarischer Paß wäre für uns jetzt goldeswert gewesen. Auf seinen Fahrten benutzte Josef je nach Gusto verschiedene Grenzübergänge und schaute sich dabei immer neugierig um. Seiner Meinung nach war es hier bei Köszeg noch am ruhigsten. Außerdem seien nach den Worten eines vertrauenswürdigen Freundes von ihm, der bis vor kurzem an dieser Grenze als Soldat gedient hatte, in betreffendem Gebiet wie auch in der Nähe von Sopron die elektrischen Signalzäune mittlerweile marode, störanfällig und zeitweise auch defekt, was zumindest eine Chance für uns bedeuten konnte. Allerdings müssten wir uns vor Patrouillen in acht nehmen. Weiterhin sprach für den Grenzabschnitt nordöstlich von Köszeg, daß wir eine topographisch verhältnismäßig gerade Strecke benötigten, um nicht durch Verwinkelungen und Kurven im Grenzverlauf unnötiges Risiko einzugehen. Kam man nämlich im Ernstfall doch zu weit von der geplanten Route ab, konnte das arge Folgen haben: Ohne es zu ahnen, bewegte man sich in der Dunkelheit möglicherweise wieder von freiem Gebiet weg auf kommunistisches zu – und das allein durch einen allzu unregelmäßigen Grenzverlauf. In der Schule hatte ich von einem Klassenkameraden, der im Sperrgebiet wohnte, genau diese Geschichte gehört: Ein Flüchtling hatte – in Unkenntnis der genauen Zahl und Anordnung der Zäune und Sperranlagen – scheinbar bereits zwei vorgelagerte Sperrzäune überwunden und wähnte sich deshalb schon in Freiheit. Zehn Minuten später lief er statt dem BGS den DDR-Posten in die Arme. Welch harter Schicksalsschlag, dass er ohne es zu bemerken ein und denselben Zaun an zwei verschiedenen Stellen überklettert hatte!

Ich suchte auf der Karte eine Straße aus, die so nahe wie möglich an das Sperrgebiet heranführte und dann ein Stück parallel dazu verlief. Schon damals ahnte ich, was sich nach der Wende bewahrheiten sollte: Sämtliches Kartenmaterial im Ostblock stellte die wahren Gegebenheiten in Grenznähe wie Straßenverläufe, Flüsse, Entfernungen usw. absichtlich verfälscht und ungenau dar. Man wollte dem »Feind«, und dazu zählte auch der Republikflüchtige, keine Anhaltspunkte oder Gebrauchsanweisungen liefern. Genaue Karten besaßen nur die Regierungsorgane und die Armee. Selbst hier mußte das Glück also ein wenig mithelfen.

Im Moment ließ sich weit und breit kein Mensch blicken. In der näheren Umgebung lag kein Anwesen, halbhohe Maisfelder dehnten sich Richtung Westen. Alle fünfzig Meter stand ein Grenz-Warnschild. Die dichten Felder kamen mir sehr gelegen. Ich überlegte einen Moment lang, ob es geschickter wäre, wenn sich Claudia mit dem Motorrad sofort in dem Mais versteckte, oder ob wir eine Fahrzeugpanne vortäuschen sollten. Letzteres schien mir die sicherere Variante zu sein, da uns schon bei unserer Ankunft ein getarnter Posten beobachtet haben könnte. Zum Schutz gegen die glühende Sonne stellten wir die Maschine unter einen Baum, wo Claudia sich ausruhen und etwas essen konnte. In der Zwischenzeit schloß ich den Seitenbunker auf und breitete das Werkzeug auf dem Boden aus.

Jetzt wurde es langsam spannender, als mir lieb war. Ich hing mir mein kleines Fernglas um und verschwand in den Feldern. Meter für Meter, und mich dabei grob am Sonnenstand orientierend, arbeitete ich mich je nach Höhe des Maises mal geduckt, mal robbend vorwärts. Wie weit sich an dieser Stelle der Sperrgürtel ausdehnte, wußte ich nicht, nur die Richtung war sonnenklar. Mit einem Male hörte das Feld auf und ich stand vor einem Stacheldrahtzaun. Noch die Tarnung des Feldes nutzend, beobachtete ich das Areal hinter dem Zaun. Auf dem leicht ansteigenden Gelände erspähte ich einen Wachturm, der völlig anders ausschaute als seine Pendants an der innerdeutschen Grenze. Statt massiver Betonquader fand ich hier Gerüste von ca. zwanzig Metern Höhe vor, bestehend aus Stahl und Holz mit aufgesetzter Plattform, ähnlich den Wachtürmen eines klassischen Westernforts. Als ich die Posten durch den Feldstecher betrachtete, war mir sofort klar, daß wir bei Tage hier nicht die leiseste Chance hatten. Es sei denn, die Wachsoldaten nähmen ihren Dienst so ›genau‹ wie ich seinerzeit in Tautenhain auf Wache. Aber darauf zu spekulieren hieße, Russisches Roulette zu spielen. Außerdem konnte ich vor dem Turm auch einen weiteren Drahtzaun erkennen, welcher nicht ganz so hoch zu sein schien wie die innerdeutschen. 'Ob da eine gute Drahtschere nützt? fragte ich mich. Erst frühestens mit Einbruch der Dämmerung war daran zu denken, die Sache genauer unter die Lupe zu nehmen. Und für diesen Fall, wie auch für die entscheidende Stunde der Flucht, wäre ein Nachtsichtgerät von unschätzbarem Wert. Doch woher nehmen? Gern hätte ich mir eine Lageskizze sowie ein paar Notizen gemacht, doch was, wenn mich auf dem Rückweg eine Streife erwischte? 'Zu gefährlich, verwarf ich den Gedanken, 'dann muß ich mir das eben alles haarscharf einprägen. Einen ersten Eindruck von den Verhältnissen hatte ich nun gewonnen. Claudia würde wahrscheinlich schon langsam unruhig werden, weil ich sie so lange allein ließ. So machte ich mich vorsichtig auf den Rückweg durch den Mais. Nicht zu fassen, selbst hier, in angespannter Konzentration, flitzten die eigenartigsten Gedanken durch meinen Kopf! Der Mais erinnerte mich an einen Spruch des ehemaligen Staats- und Parteichefs Walter Ulbricht, wie er sich während einer seiner grotesken Reden auf irgendeinem Parteitag lautstark theatralisch an die Bauern gewandt hatte, um einmal mehr Produktionssteigerung zu beschwören: »Der Mais, Genossen, ist die Wurst am Stengel!« Durch dieses amüsante Bild etwas gelockert, schätzte ich, daß nur noch ein kleines Stück bis zum Feldrand zurückzulegen blieb. Deshalb hielt ich inne und horchte. Was war das? Zweifellos Claudias Stimme, die in meine Ohren drang!

 Copyright © 2005, 2017 Peter Tannhoff