NVA Sprutz

Erwachen in Gefangenschaft

 

Die Sprutze Appich und Kluschewski landeten in der berüchtigten Stabsbatterie im zweiten Stock. Von dort oben hörte ich letzte Nacht gräßliche Schreie, die mir tief unter die Haut bis ins Mark fuhren.

Man hatte die beiden in eine Soldatenbude mit sechs Entlassungskandidaten (E) gesteckt. Gleich nach der Ankunft befahl ihnen einer der E`s: „Heh, ihr Springschweine! Schnappt euch jeder zwei Eimer und holt von draußen jede Menge Schnee, aber etwas zügig! Und macht gefälligst Ballett!!!“

Appich und Kluschewski taten, wie von ihnen verlangt. Als sich der Schneematsch in der Bude schon zu einem ansehnlichen Haufen türmte, brüllte der gleiche E: „So, und jetzt etwas zackig einen Schneemann gebaut! Betrieb!!! Ihr Springbeutel braucht Betrieb!!“

Nach einer Weile nahm die Figur auch Form an, wobei ein Stahlhelm als Hut herhalten mußte. Die E`s bogen sich vor Lachen und traten schließlich das Kunstwerk übermütig entzwei. Mit dem restlichen Schneematsch veranstalteten sie im Raum eine Schneeballschlacht, bis alles schwamm. Dann herrschten sie die beiden Neuen an: “Los, aufwischen!“

Das war selbst für den geduldigen Appich zuviel. Er weigerte sich und entgegnete, sie sollten ihre Schweinerei doch selbst wegmachen. Daraufhin fackelten sie nicht lange, packten den „ungehorsamen“ Sprutz und fesselten ihn mit zwei Koppeln ans Bett. Zu fünft hielten sie ihn fest, während ihm der Wortführer die Uniformjacke vom Leib riß. Unter der Drohung, ihm das Wort „Sprutz“ in die Brust zu ritzen, setzte er martialisch das Messer an. Aber Appich glaubte wohl nicht daran, daß die E`s wirklich Ernst machen würden und keuchte: „Laßt mich los! Ihr seid ja wahnsinnig, ihr Idioten!!!“ Doch als er sein eigenes Blut bis zum Bauchnabel laufen sah, bäumte er sich verzweifelt auf und schrie um Hilfe. Da packten ihn die E`s und schleppten ihn zum Fenster. Einer öffnete es, und die anderen hoben den sich heftig wehrenden Appich an den Koppeln über die schmale Fensterbank nach draußen. Sie drohten, ihn fallen zu lassen, wenn er nicht sofort ruhig sei. Plötzlich, Kluschewski sah es genau, brach ein Koppelschloß. Durch den starken Ruck und die höhere Belastung riß sofort auch das zweite ab, noch ehe die E`s reagieren konnten. Appich entglitt ihren Händen und fiel aus dem zweiten Stock nach unten.

Die E-Fete fand ein jähes Ende. Schwerverletzt, mit gebrochenem Arm, Prellungen und Kopfverletzungen landete Appich im Militärkrankenhaus. Kluschewski wurde unter massiven Drohungen zum Schweigen gebracht und schließlich die Sache von oben vertuscht.

Wenn ich mir einzig allein die letzten zwei Tage durch den Kopf gehen ließ, mußte ich mich immer wieder fragen, ob ich das nicht alles träumte. Das war doch ganz sicher nur ein hartnäckiger, quälender Alptraum, der im Irrenhaus spielte, oder?

Aber von wegen, ich befand mich verdammt real inmitten eines Hexenkessels, der sich da NVA - Nationale Volksarmee - nannte. Und vor vier Wochen, an jenem 5. November 1985, hatte das Fiasko begonnen und mich buchstäblich über Nacht, einem Filmriß gleich, vom reizvollen Abenteuer Jugend in die Hölle verschlagen. Und das ohne Eingewöhnungsphase und ohne Fluchtmöglichkeit.

In allen Einzelheiten sehe ich noch den altersschwachen Bummelzug vor Augen, wie er sich am besagten Einberufungstag schwerfällig voranschleppte. Von der wie zum Hohn sonnengefluteten Novemberlandschaft war dank der trüben, ungeputzten Fenster nicht viel zu erkennen. Die Zukunft, speziell die vor mir liegenden 18 Monate, verursachten ein unangenehmes, flaues Gefühl in der Magengegend, das schwer loszuwerden war. Sicher, die letzte Nacht, der Abschied von Claudia hatten mich ganz schön traurig gemacht, ja wehmütig. Aber irgendwie konnte ich damals die volle Tragweite des „Zur Fahne Müssens“, so der gebräuchliche Ausdruck für die unabwendbare Einberufung zur NVA, noch nicht erfassen. Von der Grundsubstanz her eher „zartbesaitet“, hatte ich bisher vor aggressiven Burschen lieber den Schwanz eingezogen, bedrohliche Auseinandersetzungen vermieden. Trotz meiner Körpergröße von 1,90 m war ich ziemlich schlank, keine Heldenerscheinung. In den letzten Jahren hatte ich viel gelesen, meine erste Liebe kennengelernt, und natürlich wie die meisten Jungen in diesem Alter an Mopeds herumgebastelt. Nach erfolgreichem Abitur hoffte ich auf einen Studienplatz. Doch davor stand nun wie eine unüberwindliche Mauer dieser gerüchteumwitterte, furchteinflößende Wehrdienst. Und es gab kein Entrinnen.

Schon mit sieben oder acht Jahren wurde ich ständig mit dem Thema Soldatsein konfrontiert. Unsere Wohnung befand sich in einer traurigen Mietskaserne in der Nähe eines Truppenübungsplatzes. Hinter einem Stacheldrahtverhau sah ich oft die in dicke, schwere Uniformen gesteckten, mit Kalaschnikows behängten, aus allen Poren schwitzenden und keuchenden Soldaten in größter Sommerhitze über die Sturmbahn hetzen. Ängstlich hörte ich die lautstarken Kommandos und Schreie der Offiziere. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich mit einer derartigen Tortur fertigwerden sollte. Einige Soldaten blieben öfter erheblich hinter den anderen zurück und wurden dann von den Offizieren oder Feldwebeln zusammengebrüllt. Das konnte ich als Kind schon nicht begreifen. Was hatten diese armen Kerle verbrochen, daß sie so behandelt wurden? Damals schon erschien mir der Anblick dieser gehetzten Männer in ihren schweren Stiefeln und den häßlichen Gasmasken wie ein Alptraum, den man schnell verdrängen mußte. Am liebsten wäre ich nie älter als 18 Jahre geworden, um von diesem Drill und Abrichten verschont zu bleiben.

Während ich derartigen Gedanken nachhing, hielt plötzlich der Bummelzug in Hermsdorf. Etwa 20 LKW mit Pritschenaufbau in schmutzigem Armeegrün standen bereit, um die neuen Rekruten zur Kaserne zu bringen. Die mürrischen Gesichter und der barsche Ton der Fahrer und Unteroffiziere ließen erst gar keinen Zweifel über das nahende Geschehen aufkommen.

Die letzten Monate vor der Einberufung waren eigentlich sehr glücklich verlaufen. Im Februar feierte ich meinen achtzehnten Geburtstag, im Juni mein Abitur und den gleichzeitigen Facharbeiterabschluß als Maschinenbauer. Schließlich bekam ich sogar den Studienplatz für Polytechnik in Erfurt. Und das trotz Weigerung, mich für die für Studenten obligatorischen drei Jahre Wehrdienst zu verpflichten. Doch schon bei der „Musterung“ stellten sich die Weichen in verhängnisvoller Richtung: Ich wurde gefragt, ob ich bereit sei, mit der Waffe in der Hand die Staatsgrenze der DDR zu schützen, was ich mit der Begründung ablehnte, nicht auf Menschen zielen oder schießen zu wollen. Da die Machthaber zur Aufrechterhaltung ihrer Diktatur logischerweise nur schießwillige Befehlsempfänger an der Grenze gebrauchen konnten, zahlte man mir meine Ablehnung doppelt und dreifach heim: man schickte mich in die berüchtigte Raketeneinheit Tautenhain. Was dort auf mich zukommen würde, ahnte ich damals noch nicht. In Tautenhain hätte ich im Ernstfall auch schießen müssen, nur eben nicht mit Gewehren, sondern mit Atomraketen.

Im ersten Moment dachte ich sogar an Wehrdienstverweigerung. Aber in diesem Fall landete man automatisch für anderthalb Jahre in der berüchtigten „Spatentruppe“. Von den „Bausoldaten“ in ihren schwarzen Uniformen, mit dem Spaten auf den Schulterklappen, hörte man immer wieder, daß sie unter menschenunwürdigen Bedingungen geschunden wurden. Mit schwerer Fronarbeit sollten sie für ihre „unehrenhafte“ Verweigerung teuer bezahlen. Vor allem aber verbaute man sich mit einer solchen Entscheidung jedwede berufliche Zukunft, man mutierte zum unerwünschten Außenseiter der Gesellschaft. Und das schien mir dann auch nicht unbedingt der erstrebenswerteste Ausweg zu sein.

 

Wie sich viele Menschen noch erinnern werden, war es für einen DDR- Bürger vor der Rente nicht möglich, ins westliche Ausland zu reisen. So beschlossen Claudia und ich noch vor den Sommerferien, die „westlichste“ aller Möglichkeiten in Angriff zu nehmen: ein Visum für vier Wochen Urlaub in Ungarn zu beantragen. Allein die Prozedur bis zum Erhalt dieses Wisches war die reine Schikane. Man mußte stundenlang in kahlen Wartezimmern herumsitzen. Das Visum konnte jederzeit ohne Begründung abgelehnt werden. Doch hatten wir noch Glück: Nach wochenlangem Warten wurde uns jene große Gnade zuteil, und so konnten wir mit dem Auto meines Vaters erstmals allein in den Urlaub fahren. Die Wartezeit auf solch ein vorsintflutliches Vehikel betrug mindestens achtzehn Jahre. Lediglich aufgrund der Tatsache, daß mein Vater durch das Verschulden seines sozialistischen Betriebes den linken Arm verloren hatte, bekam er das Auto Marke „Wartburg“ ein paar Jahre früher; natürlich nur gegen Entrichtung des vollen Kaufpreises. Das verstand man also in der DDR unter angemessener Entschädigung!

Unser Ziel in Ungarn war der Plattensee. Dort hatten wir auch den ersten Kontakt zu Vertretern des anderen Deutschland. Wildfremde Menschen aus Hessen, am Badestrand über den Weg gelaufen, luden uns auf herzliche Art und Weise ein, bewirteten und beschenkten uns großzügig. Wir dagegen konnten uns in keiner Weise revanchieren, durften wir doch nur 400 Ostmark in die ungarische Landeswährung Forint umtauschen. Um sich überhaupt ernähren zu können, mußte man das Auto voller Dosen und Konserven laden. Trotzdem hatte dieser Urlaub für uns ein unglaubliches Flair von Freiheit und Abenteuer. Wer kann sich heute noch vorstellen, was es heißt, die erste Coca-Cola des Lebens zu trinken oder an einem Obststand das erste Kilo saftiger Pfirsiche zu kaufen?

Schließlich stellte sich uns sogar die Frage, ob wir nicht das Auto in Ungarn zurücklassen und die Flucht nach Österreich wagen sollten. Leider hatten wir damals noch nicht den Mut. Wie sollte mein Vater wieder an sein Auto kommen, worauf er so lange warten mußte und wofür er so viele Jahre hart gespart hatte? Für mein Leben konnte ich ja die Verantwortung tragen, aber für Claudias? Und so fuhren wir schweren Herzens wieder nach Hause, in dem Wissen, daß die Kasernentore bald für 18 Monate hinter mir ins Schloß fallen würden.

Selbige tauchten nun auch schon im Planenausschnitt des LKWs auf. Ich erschrak beim trostlosen Anblick des gewaltigen Geländes mit seinen grauen Kasernen und Hallen, alles von hohem Elektro-Stacheldrahtzaun umgeben. An manchen Stellen waren Wachtürme zu sehen. Die zusätzliche Bewachung durch kalaschnikowbehängte Posten erinnerte sofort an Bilder aus Gefangenenlagern oder Zuchthäusern. Diese Assoziation war gar nicht so weit hergeholt, wie sich bald zeigen sollte. Die LKWs rollten durch ein schweres eisernes Schiebetor namens KDL (Kontrolldurchlaß). Selbiges sollte sich nun für 542 Tage hinter uns schließen. 542 Tage – welch` astronomische Zahl!!!

Wie macht man nun schnellstens aus einem lebensfrohen, hoffnungsvollen, nach Freiheit, Entwicklung und Glück strebenden Jugendlichen einen unsicheren Befehlsempfänger? Man schneidet ihm zuerst einmal die Haare ab! Gleich eine halbe Stunde nach meiner Ankunft saß ich schon laut Befehl beim Haareschneiden. Das erledigten ungelernte Soldaten mit einer Maschine in fünf Minuten. Meine Locken lagen auf dem Boden und damit im weitesten Sinne auch meine Jugend. Tiefe Traurigkeit überkam mich, als ich meinen Borstenkopf im Spiegel sah. Eine andere Person schaute mich da hilfesuchend an. Das einzige aus dieser ganzen Zeit existierende Foto, nämlich das obligatorische Schwarz-Weiß-Paßbild meines Wehrdienstausweises, wurde eine Stunde später geschossen. Mein Gesichtsausdruck spiegelt unverkennbar den hohen Grad meiner Verunsicherung und Bestürzung wider.

Sich die Haare abschneiden zu lassen ist ja eigentlich nichts Außergewöhnliches. Unter Zwang dagegen erhielt es eine völlig neue Dimension. Die Befehlshaber setzten diese „Maßnahme“ ein als wichtigen Bestandteil der methodischen Gleichmacherei und nicht zu unterschätzenden Akt des Gefügigmachens und der Demütigung. Wir empfanden es als ersten Angriff auf unsere Persönlichkeit, als Auftakt zu Machtausübung und totaler Kontrolle seitens der Militärs.

Unter lautem Gebrüll wurden wir in den Block für die Grundausbildung getrieben. Man steckte uns in winzige, kahle und schmucklose Zellen á acht Mann mit je vier Doppelstockbetten, so richtig „schnucklig“ eben. Nicht ein privater oder persönlicher Gegenstand wurde in den „Stuben“ geduldet. Einzige Sitzgelegenheit war ein Stahlrohrhocker mit einer Sitzfläche von 30x30 cm. Auch kein Bild oder Plakat durfte aufgehängt werden. Einfach nichts, was noch an das Leben davor erinnerte. Schnell wurde mir klar, daß die Armeeführung es offensichtlich ganz gezielt auf die völlige Ausschaltung unserer Individualität abgesehen hatte.

Als nächstes nahmen sie uns die Zivilkleidung weg. Jeder mußte dazu ein Paket schnüren und selbiges, an die Eltern adressiert, beim Spieß abgeben, welcher penibelst darüber wachte, daß die Pakete auch umgehend per Post die Kaserne verließen. Die Personalausweise hatte man uns schon Tage vor der Einberufung abgenommen und statt dessen den grauen Wehrdienstausweis samt Blechmarke mit eingestanzter Nummer ausgehändigt. Diese Blechmarke, auch Hundemarke genannt, diente zur Identifizierung, falls wir verbrennen oder anderweitig umkommen sollten.

Durch diese Aktionen nun sämtlicher Merkmale eines freien Menschen beraubt, verblieben uns als einzige Kleidung die häßlichen, schweren Uniformen. Dabei bestand die am häufigsten zu tragende Dienstuniform auch noch aus schwerem, kratzendem Filz. Jetzt sahen wir alle nicht nur wie Häftlinge aus, sondern man behandelte uns auch so. Von nun ab gab es keine Ruhe mehr. Unablässig hagelte es Befehle und Drohungen, der NVA- Alltag hatte uns schon in seinem Würgegriff.

Gleich nach dem Wecken um 6.00 Uhr folgte zermürbender Drill. Am liebsten hätte man uns auf der Stelle, gleich zu Beginn der Grundausbildung vereidigt, denn erst nach diesem Ritual waren wir voll und ganz der Militärgerichtsbarkeit unterstellt, besaßen so gut wie keine Rechte mehr. Nichtbefolgen von bestimmten Befehlen oder eine Flucht aus der Kaserne, würde danach als schwerstes Delikt oder „Vaterlandsverrat“ geahndet werden, und zwar mit einer Haftstrafe im DDR- Militärstrafvollzug in Schwedt. Kameraden, die von dort zurückkehrten, habe ich niemals mehr lachen sehen. Seelisch gebrochen, körperlich verhärmt und extrem gealtert, sprachen sie kein überflüssiges Wort mehr, erschraken schon bei jedem unbekannten Geräusch. Ich kann wirklich von großem Glück sagen, die Verhältnisse in Schwedt nur aus Berichten Betroffener zu kennen. Selbst heute noch ranken sich die wildesten Gerüchte um diesen Ort. Aber Akten existieren nicht mehr, man hat sie rechtzeitig vor der Wende vernichtet.

 Die Häftlinge von Schwedt wurden nachts zu immer anderen Zeiten durch Alarme aus dem Schlaf gerissen, oder gleich auf Schlafentzug gesetzt. Wecken war um 4.00 Uhr, anschließend schwerste Fronarbeit und Schikane bis zur „Nachtruhe“ um 22.00 Uhr. Die Arbeit soll sehr abwechslungsreich gewesen sein wie etwa:

Brennen von Schamott- und Ziegelsteinen in einer Gluthitze, gesundheitsschädigendes Schuften in der Rüstungsindustrie oder Petrolchemie, z.B. in der Spalt- oder Aromatenanlage oder beim Ammoniak. Als „Arbeitsanreize" winkten beispielsweise die termingerechte Entlassung oder eine Verkürzung der Einzelhaft. Selbige nach Belieben und sogar wochenlang zu verhängen, lag ganz in der Willkür der Peiniger. Die Zeit für die tägliche „Essens“- Maßnahme war auf fünf Minuten beschränkt. Es gab weder Besuch, noch Ausgang, Briefe wurden limitiert. Die Delinquenten mußten unterschreiben, für immer über diese Zeit zu schweigen oder wurden erpreßt, für die Stasi zu arbeiten. Die Befehlshaber dort besaßen nämlich die Macht, diese Hölle nochmals um je drei Monate zu verlängern. Selbstverständlich mußte die Gesamtstrafe von Schwedt am Ende des 18- monatigen Grundwehrdienstes nachgedient werden.

Anlässe für eine Verbannung an diesen Schreckensort fanden sich schnell. Wenn z.B. an der Grenze sich jemand weigerte, seinen fliehenden Kameraden zu erschießen, war ihm Schwedt sicher. Selbst irgendwelche Verstöße gegen die gängelnden und freiheitsberaubenden Dienstvorschriften, oder auch politische Motive, wie staatskonträre Äußerungen, konnten einen schon liefern, wenn es dem Abteilungs- oder Brigadekommandeur so beliebte.

„Ab nach Schwedt!“ Dieses Schreckgespenst sollte jetzt also für die kommenden anderthalb Jahre unentwegt und verhängnisgleich über uns schweben. Um mir ein solches Schicksal zu ersparen, brauchte ich einfach nur die gutdurchdachten und nur auf unser Bestes zielenden Befehle und Dienstvorschriften zu befolgen und alles war i.O. (in Ordnung). War es das?

Auch die zweite Nacht in der Kaserne konnte ich nicht einschlafen. Immer wieder dachte ich an Flucht und die Berichte meiner Klassenkameraden aus der Berufsschule, die aus dem unmittelbaren Grenzgebiet zu Westdeutschland stammten. Von ihnen wußte ich, was sich so oft in diesem strengstens überwachten und an manchen Stellen mehrere Kilometer breiten Landstrich abspielte: nämlich extreme Menschenrechtsverletzungen, die aber erstaunlicherweise nicht nur DDR-Bürger betrafen. Die auf dem gesamten DDR-Territorium stationierten Soldaten der russischen Besatzungstruppen, unsere „Freunde“, behandelte man wie Galeerensklaven. Wenn von denen einer aus der Kaserne floh, wurde kurzer Prozeß gemacht. Da auch ich in Grenznähe aufgewachsen bin, bekam ich es alle paar Wochen mit, wenn sie wieder einen der armen Teufel jagten. Von der perfiden innerdeutschen Grenzbefestigung namens „Mauer“ keinen blassen Schimmer, hoffte manch einer von ihnen, er könne es mit seiner aus der Kaserne mitgenommenen Kalaschnikow schaffen, sich ins vermeintliche Schlaraffenland durchzuschlagen. Doch bis zur eigentlichen „Mauer“ mußte man erst mal kommen! Überall im Wald lauerten versteckte Unterstände mit Spähern, Tretminen, Stacheldrahtverhaue und vorgelagerte Zäune, kurz, ein heimtückisches Hindernis nach dem anderen. An vielen Stellen befanden sich zur Abschreckung sogenannte Laufanlagen mit den „Trassenhunden“. Extra für diesen Zweck gezüchtete Schäferhunde, halbverhungert und auf Menschenjagd getrimmt, fristeten an Laufketten ihr erbärmliches Dasein. Kein Wunder, daß bei dieser Quälerei die meisten Tiere verhaltensgestört und unberechenbar wurden. Viele strangulierten sich an den Ketten sogar selbst. Wenigstens waren nach jahrelangen Verhandlungen seitens der damaligen Bundesregierung und langwierigem persönlichen Einsatz des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß die Selbstschußanlagen entlang des Hauptzaunes wieder abmontiert worden. Den fliehenden Sowjetsoldaten dürfte das jedoch wenig genutzt haben.

Die russische Armeeführung veranstaltete per Hubschrauber regelrechte Treibjagden, Rattenfang genannt, durch Wiesen und Kornfelder. An allen Straßen die nach Westen führten, selbst an den Ausfallstraßen meiner Heimatstadt Creuzburg, wurden gigantische Straßensperren errichtet. Große Feuer loderten die ganze Nacht hindurch. Den Ärmsten blieb keine Chance. Waren sie eingekreist, mußte sich sogar die Bereitschaftspolizei zurückziehen. Die „Fahnenflüchtigen“ wurden wie räudige Hunde erschossen, selbst ...

S. 16 :

.... Nach der Sturmbahn war so ein Grundausbildungstag noch lange nicht herum: Die Batterie rückte gegen 19.00 Uhr geschlossen, marschierend und „singend“ zum „Freßwürfel“ vor. So nannten wir den häßlichen viereckigen Kasten, in dem sich die Küche mit den Räumen für die Essenseinnahme befand. Den Namen fand ich gar nicht unzutreffend, denn was wir hier oft vorgesetzt bekamen, verdiente die Bezeichnung „Essen“ wahrlich nicht. Die Wurst war oft so alt, daß sie schon grüner Schimmel zierte. Zwischen den zerkochten Kartoffeln kamen große mitgekochte Kakerlaken zum Vorschein, vom Gestank aus der Küche ganz zu schweigen. Zu Trinken gab es immer denselben, undefinierbaren, übelschmeckenden Tee, im Armeejargon „Hängolintee“. Irgendetwas war diesem Gebräu angeblich beigemischt, damit sich in der Leistengegend der Soldaten nichts mehr regte. Schließlich sollte keiner auf unerwünschte, dumme Gedanken kommen! 

Das immer gleiche Lied, welches uns während des Marsches zum Freßwürfel zu singen befohlen wurde, lautete folgendermaßen:

  „Dort steht ein Mann, ein Mann,
  so fest wie eine Eiche,
  er hat gewiß, gewiß, schon manchen Sturm erlebt,
  vielleicht ist er schon morgen eine Leiche,
  wie es so vielen Freiheitskämpfern geht.“

Wer nicht sang, mußte solange immer wieder um den „Freßwürfel“ herummarschieren, bis er es doch tat, oder er bekam gar nichts zu essen. Oft genug drängten einen die eigenen Kameraden zum Singen. Es mußten nämlich auch alle Sangeswilligen so lange mitmarschieren, bis der letzte mit einstimmte. Die Boiler oder Batzen dagegen dinierten in der separaten Offiziersmesse, worin mit weißen Tischdecken und Blumen geschmückte Tafeln standen, an denen sie sich von Ordonnanzen leckere Menüs servieren ließen. Wir niederen Existenzen sollten diese geweihten Heiligtümer später nur zu Reinigungszwecken zu Gesicht bekommen.

 

...Seite 30 :

aus dem Kapitel:       Als Zombie auf Irrfahrt

Kaum ein paar Tage auf der neuen Einheit, schickte man uns als neue Kraftfahrer auf den berüchtigten “300-km-Marsch“. Hier sollten wir nachweisen, daß wir in Zukunft im Belastungs-und Ernstfall auch tatsächlich als Kraftfahrer einsetzbar sein würden. Man teilte mir aus meiner Batterie einen Fahrzeugbegleiter zu, der mich in schwierigen Situationen anleiten und beaufsichtigen sollte. Feldwebel Schnidla (Spitzname Schnittlauch), ein rotblonder, wortkarger Bubu (Berufsunteroffizier) mit ständig fettigen Haaren, wollte nur eines haben: nämlich seine Ruhe. Aus ihm war so gut wie nichts herauszubringen. Die erste Fahrtstunde saß er noch schweigend neben mir auf der Beifahrerbank. Danach schlief er fast ununterbrochen. Dabei wollte ich doch so vieles über meine Einheit erfahren und das, was mir dort blühen würde. Wie sich herausstellte, hatte die Militärpolizei für diesen Marsch im großen Maßstab ganze Straßen abgesperrt. Wir fuhren kreuz und quer durch die Südhälfte der DDR. Alle zwei Stunden hielt der lange Konvoi aus “Spießurals“, Vermesser-LKWs, Tankwagen und Jeeps. Wir mußten die Straße verlassen und irgendwo im Wald Stellung beziehen. Jeder Fahrer führte ein großes Tarnnetz mit, unter dem das gesamte Fahrzeug in Windeseile zu verschwinden hatte. Danach mußten mit Spitzhacke und Schaufel Schutzgräben angelegt werden, auch wenn der Boden steinhart gefroren war. Wenn es den hohen Herren gefiel, wurde auch immer mal zwischendurch Gasalarm gegeben. Unter Gasmaske ging die Fahrt weiter, nachdem wir das Fahrzeug enttarnt und startklar gemacht hatten. Aber diese Plackerei stellte nicht das größte Problem dar: Die Müdigkeit machte uns immer mehr zu schaffen. Die erste Nacht ohne Schlaf steckte man noch weg, mit 18 Jahren allemal. Wenn wir nicht gerade Stellungen bauten, fuhren wir. Keiner löste mich ab, und Schnittlauch schnarchte auf der Bank neben mir.

In der zweiten Nacht bekam ich schon Probleme, beim Fahren die Augen aufzubehalten. Immer wieder mußte ich mir selbst einen Ruck geben, Arme und Beine abwechselnd anzuspannen. Am dritten Tag nutzte ich die Gelegenheit, zweimal je eine Stunde vor mich hinzudösen, was mich im Endeffekt noch müder machte. Langsam wurde mir alles immer gleichgültiger. Mehr und mehr fühlte ich mich wie ein Zombie, ein lebender Toter. Doch dann, in der letzten Nacht, schlitterte ich nur um Haaresbreite an einer Katastrophe vorbei. Schnittlauch hatte sich irgendwoher Schnaps besorgt. Diesem sprach er auch reichlich zu und grunzte schließlich wie ein Flußpferd. Der Konvoi erklomm gerade die steile Serpentinenstraße zur Leuchtenburg bei Rudolstadt. Und vor mir seit zwei Nächten immer nur die roten Rückleuchten des Vordermanns. Da geschah es: Trotz weitgeöffneter Fenster zum Zwecke des Wachbleibens konnte ich die Augen nicht mehr aufhalten und nickte ein. Wie lange dieser Zustand anhielt, kann ich schwer sagen. Durch lautes Hupen hinter mir und ohrenbetäubendes Gekreische von Metall auf Metall schreckte ich hoch. An der rechten Straßenleitplanke sah ich ein gleißendes Flackern. Buchstäblich im letzten Moment gelang es mir, das Steuer nach links herumzureißen. Andernfalls hätte ich unweigerlich die Leitplanke durchbrochen und wäre mit dem LKW in den felsigen Abgrund gestürzt. Mein Hintermann erzählte mir später folgendes:

Durch das Fräsen meiner Räder an der Leitplanke habe es wie bei einem Feuerwerk einen Funkenregen gegeben, der ihn selbst auch vor dem Schlimmsten bewahrte. Schnittlauch bekam den Vorfall gar nicht richtig mit. Er ahnte nicht mal, in welcher Gefahr er schwebte. Wieder nüchtern, half er mir beim Vertuschen. Unter Umständen hätte er bei einer Untersuchung des Hergangs auf eine bevorstehende automatische, dienstaltersgemäße Beförderung zum Oberfeldwebel verzichten müssen.

Zwei Tage später begann die Phase der sogenannten „Komplexe“. So hießen die mehrtägigen Übungen im Gelände, bei denen die Startrampen aus Tarnungsgründen ständig in Bewegung blieben und immer wieder neu auf Ziele ausgerichtet wurden. Mit einem solchen Komplex verknüpfte sich ein Riesenaufwand samt gewaltigem Streß. Mitten in der Nacht, nicht selten gegen 3.00 Uhr, heulte ohrenbetäubend die Sirene. Ich erschrak jedesmal bis ins Mark, und schon brüllte es auf dem Flur: „ZWEITE BATTERIE GEFECHTSALARM !!! GEFECHTSALARM !!! RAUSTRETEN ZUM WAFFENEMPFANG IN 30 SEKUNDEN !!!“

Die Türen wurden aufgerissen. In Windeseile mußte man in Uniform und voller Ausrüstung vor der Waffenkammer stehen und seine Waffe empfangen. In meinem Fall war das ein sogenannter „Bärentöter“. Diese vergrößerte Kalaschnikow hatte vorn am Lauf ein ausklappbares Zweibein und viel größere Magazine. Die Waffe zählte schon als LMG (Leichtes Maschinengewehr) und wog natürlich auch noch viel mehr als eine Kalaschnikow. Mit Sturmgepäck und dem Bärentöter auf dem Buckel, in den Händen noch eine schwere Munitionskiste, rannte ich die 500 Meter bis zur Fahrzeughalle, in welcher sich mein Ural befand. Vor den Hallen mußten wir die Fahrzeuge in vorgeschriebener Marschordnung aufstellen und auf den Startbefehl warten.

Die meisten Komplexe spielten sich im sogenannten RAG ab, dem „Raketenausbildungsgelände“. Selbiges bezeichnete einen direkt hinter den Kasernentoren gelegenen riesigen Truppenübungsplatz mit dichten Wäldern, Freiflächen, Stellungen, Bunkern u.a. Dieses Gelände versteckte sich hinter einem hohen Stacheldrahtzaun, geziert von Schußwaffengebrauchswarntafeln. Was dort im Laufe der Jahre an Umweltverbrechen begangen wurde, läßt sich kaum aufzählen. Vielerorts wurde achtlos der Boden kontaminiert mit abgelassenem Öl, liegengelassenen Dosen und Kanistern, danebengelaufenem hochgiftigen Raketentreibstoff, alter Bremsflüssigkeit und hundert anderen giftigen Chemikalien. Bergeweise lag Müll zwischen Heidelbeerkraut und Tannenzapfen.

Der Konvoi startete also in Richtung RAG. Die Vermessereinheiten mußten ständig neue Landstriche vermessen und Abschußpositionen ermitteln. Sogenannte “Kabelaffen“ legten permanent neue Leitungen von der Kommandozentrale (dem Stab) zu den Startbatterien mit ihren Rampen. Die Feldküche braute draußen ihre Erbsensuppe und Pioniere bauten mit schwerstem Gerät Stellungen. Ich mußte in „Thermophoren“ (schweren ovalen Stahlblechbehältern mit doppelten Wänden) die Suppe mittels des Spießurals von der Feldküche zu unserer Batterie bringen und riesige Tarnnetze zum Ural rauf- und runterbuckeln. Die Netze waren jetzt, Mitte Dezember, teilweise steinhart gefroren. Während ich die Karre allein abtarnte, lief ich immer Gefahr, auf dem eisglatten und überfrorenen Führerhausdach oder Planenaufbau auszurutschen und herabzustürzen. Durch die ständige Schlepperei und Buckelei von nassen, zentnerschweren Startrampentarnnetzen zog ich mir einen bleibenden Wirbelsäulenschaden zu.

Nachtruhe gab es in dieser Zeit keine mehr. Oftmals die halbe Nacht stand ich neben der Startrampe im tiefen Schlamm. Auch von oben völlig durchnäßt und permanent Befehle ausführend, mußte ich armdicke und schwere, meterlange Verbindungskabel mit riesigen 30- poligen Metallsteckern heranschleppen und anschließen. Diese waren sämtlichst für die Stromversorgung und Steuerung der Rakete bestimmt. Zusätzlich baute ich noch für die Richtkanoniere K2 und K3 Theodoliten und dreibeinige Stative auf, richtete selbige in waagerechter Position aus und assistierte beim Vermessen. Dann mußte ich Fauli noch beim Betanken der Rakete helfen, natürlich unter Vollschutz, mit Schnuffi und Panzerhaube anstelle des Stahlhelms. Dazu herrschten unglaubliche Hektik und gewaltiger Zeitdruck. Von allen Seiten kamen laufend neue Befehle und hysterische Schreie des Zugführers, zusätzlich auch noch durch die Kehlkopfmikrosprechanlage meiner Panzerhaube. Ein Stolperkabel verband mich akustisch mit dem Rest der Rampenbesatzung. War die Rakete endlich startklar und betankt, schob ich mit der Kalaschnikow, Stahlhelm und Schutzausrüstung stundenlang Wache in eisiger Kälte, hundemüde und ausgepowert.

Die Winter 85/86 und 86/87 schlugen mit außergewöhnlicher Kälte zu. Ausgerechnet während dieser Komplexe herrschten nachts Temperaturen von bis zu minus 30°C. Ich wußte, daß mir bei diesen Temperaturen beim Wachestehen die Füße abfrieren würden, wenn ich mich nicht bewegte. So lief und sprang ich trotz bleierner Müdigkeit pausenlos auf der Stelle. Aber viel half das nicht, die schäbigen, ungefütterten Stiefel waren ohnehin längst total durchnäßt und die Füße eiskalt. Einige Kameraden zogen sich derartige Erfrierungen zu, daß ihre Zehen schwarz wurden und teilweise amputiert werden mußten. Auf diese Weise lernte ich wenigstens, was es heißt, zu warten bis man schwarz wird....

 

...Seite 49 :

aus dem Kapitel:       Grenzerfahrung Wache

Gegen Ende einer weiteren Wache fehlte bei der Munitionsrückgabe einem Soldaten eine Mumpel. Der OvD startete für die gesamte Wachmannschaft eine gewaltige Suchaktion. Jede Ritze auf dem Appellplatz wurde untersucht, jede Hosentasche durchwühlt, buchstäblich alles auf den Kopf gestellt. Bis weit nach Mitternacht dauerte der Zirkus. Auch die extra herbeigeschafften Scheinwerfer brachten nichts ans Licht. Wir waren von der langen Wache völlig übermüdet, keiner durfte sich entfernen. Dann befahl der OvD die zehn Kanalgullis, die sich auf dem Platz befanden, zu öffnen. Weitere zwei Stunden durchwühlten wir mit bloßen Händen den übel stinkenden Schlamm, bis einer tatsächlich das corpus delicti fand. Ansonsten würden wir vielleicht heute noch suchen.

Mitte Januar stand ein Nachtschießen für die 2. Startbatterie auf dem Programm. Das kam nur einmal im Halbjahr vor. Anscheinend war Munition doch nicht ganz so billig, und unser Können im Handschußwaffengebrauch schien nicht so wichtig wie unsere ständige Raketengefechtsbereitschaft. Geschlossen marschierten wir in das RAG (Raketenausbildungsgelände), wo auch der Schießplatz lag. Das Nachtschießen mit Leuchtspurmunition sah mit genügend Abstand betrachtet, bestimmt beeindruckend, wenn nicht gar romantisch aus. Wie hunderte Sternschnuppen zogen die Geschosse ihre leicht gekrümmten Bahnen dicht über dem Boden. Leider konnte ich das verspätete Silvesterfeuerwerk am direkten Ort des Geschehens nicht so richtig genießen. Normalerweise durfte das Schießen laut DV nur mit Gehörschutzwatte im Ohr erfolgen. Diese war jedoch meist nicht vorhanden, und so schossen wir eben ohne. Schon nach ein paar Salven Dauerfeuer aus meinem Bärentöter nahm ich die Umgebung nur noch wie aus weiter Ferne wahr. Ich bekam ein Pfeifen auf einem Ohr, das sich erst am nächsten Tag abschwächte. Fauli und Bommel klagten über gleiche Symptome. Im Laufe der Zeit hörte ich immer wieder Soldaten über Tinnitus und zeitweise Schwerhörigkeit klagen.

Außerdem wurde hier auf dem Schießplatz im Gegensatz zur Objektwache mit der Munition äußerst nachlässig umgegangen. Es kam weniger darauf an zu treffen, als vielmehr einfach das ausgegebene Kontingent an Munition zu verballern. Ohne weiteres war es möglich, die eine oder andere Mumpel abzuzweigen, was auch einige taten. Merkwürdigerweise kontrollierte das keiner genau. Pinnau verschaffte sich zweifelhafte Glücksmomente, indem er eine bunte Leuchtkugel nach der anderen in den Himmel schoß. Dadurch hatte ich wenigstens kurze Zeit Ruhe vor ihm.

  • Oase Medpunkt

Für den gesamten nächsten Vormittag befahl Stang ein großes Waffenreinigen. Jeder hatte seinen kleinen Holzschemel auf dem langen Kasernenflur an die Wand zu stellen, worauf die auseinandergebauten Waffenteile zu präsentieren waren. Wir saßen auf dem kalten Steinboden, mit dem Rücken zur Wand. Immer wieder wurde der Lauf mit einem Putzlappen durchgezogen, jede kleinste Rußspur beseitigt, alle Metallteile eingeölt und blankgeputzt. Das war der große Tag für Spießlein Wasja. Ein Tag, an dem auch er ein bißchen Macht auskosten durfte. Er allein herrschte über die Waffenkammer und er bestimmte auch, wann eine Waffe als „sauber“ zurückgenommen wurde. Dämlich und boshaft grinsend, wies er meinen bereits blitzblanken „Bärentöter“ immer wieder zurück. Währenddessen hatten sich alle E`s auf die Buden zum Qualmen verzogen. Die Zwischenschweine und ich mußten bei den Waffen sitzen bleiben. Plötzlich kam jemand auf mich zu, der sich den ganzen Vormittag noch nicht beim Waffenreinigen hatte blicken lassen. Tankwagenfahrer Ranzel, der heimtückischste und faulste E der Startbatterie und laut Bommels Aussage „ziemlich unterbelichtet“, warf seine verdreckte MPi vor mich auf den Boden und knurrte: „Sprutz, du machst meine Knarre mit sauber, klar?“ Ich antwortete ihm höflich aber bestimmt, daß ich nicht daran dachte. Ranzel schnitt eine Grimasse, die nichts Gutes ahnen ließ, schnarrte: „Na warte elender Sprutz, du lernst das noch!“, hob seine MPi wieder auf und trollte sich.

Am nächsten Abend stand er GUvD und befand sich gegen 20.00 Uhr allein auf dem Flur. UvD Vogler spielte in seiner Bude Doppelkopf. Jetzt hatte Ranzel das Sagen, und wehe, wenn den Dummen Macht gegeben. Seine erste Amtshandlung in Bezug auf mich hieß „Sibirischer Winter“. Drei ganze Packungen IMI verstreute er im Waschraum, als hätte es geschneit. Noch schnell eine Schüssel Wasser darüber, und der Schaum reichte mir bis zu den Oberschenkeln. Eins, zwei, drei, und der Sprutz hatte sein Revier. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Schrubber zu holen und unter höhnischem Gespött den Boden zu scheuern. Bis man die letzten Putzmittelspuren beseitigt hatte, ohne daß die bräunlichen Fliesen nach dem Abtrocknen weiße Flecken zierten, vergingen Stunden.

Noch vor der vermeintlichen Nachtruhe holte mich Ranzel unter dem Vorwand aus dem Waschraum, daß mit dem Sicherungsschrank auf dem Flur etwas nicht stimme und ich die Sicherungen überprüfen solle. Der Flur war stockdunkel. Nur auf dem UvD-Tisch beim Sicherungsschrank glomm eine schwache Tischlampe. Es hatte den Anschein, als wäre tatsächlich eine Sicherung durchgebrannt. Und daß ich als einziger Sprutz auch dafür zuständig sein sollte, schien völlig normal. Wir gingen zu dem zwei Meter hohen Schrank, der mit einer dicken, scharfkantigen Stahltür verriegelt war. Um die kaputte Sicherung zu finden, mußte ich die Stahltür öffnen und mit meinem Kopf aufgrund der winzigen Beschriftungen ziemlich nah herangehen. Darauf wartete Ranzel nur. Ich spürte, daß er etwas im Schilde führte und zog instinktiv meinen Kopf aus dem Schrank. Im selben Augenblick gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Dieses Individuum mußte die Stahltür mit voller Wucht zugeschlagen haben. Bruchteile von Sekunden später, und mein Kopf wäre noch dazwischen gewesen. Anscheinend hatte es mich aber doch erwischt, denn das Blut rann mir über die rechte Schulter die Uniform herab. Ranzel fragte mich scheinheilig, was denn passiert sei. Ehe ich reagieren konnte, schnarrte er: „Dein Ohr ist ab, Sprutz!“ So schnell ich konnte, rannte ich in den Waschraum zu einem Spiegel und sah, daß mein rechtes Ohrläppchen abgerissen war. Es hing nur noch an einem Fädchen und blutete wie verrückt. Mit der rechten Hand am Ohr lief ich die 300 Meter zum Med.- Punkt, wo glücklicherweise noch ein junger Arzt im Leutnantsrang Protokolle schrieb. Augenblicklich nahm er sich meiner an, stillte die starke Blutung und klebte mit Gewebekleber das abgerissene Ohrläppchen wieder an. „Dieser Gewebekleber“, sagte der Arzt mit ironischem Schmunzeln, „ist ein teurer Import vom Klassenfeind und muß aus Haltbarkeitsgründen ständig im Kühlschrank aufbewahrt werden.“ Ein Tröpfchen zwischen Daumen und Zeigefinger genügte, um die beiden Finger ohne bewußte Verletzung nicht mehr auseinanderzubringen. ....

 

...Seite 107 :

aus dem Kapitel:     Abenteuer in der Steppenweite Kasachstans

... Nachts wurde es in der Steppe kalt. Das Quecksilber rutschte immer unter die Null- Grad- Grenze, der Gegensatz zu den Tagestemperaturen war gewaltig. Unvorstellbar, daß wir schon morgen wieder bei weit über 40°C im Schatten schwitzen würden. Für einen Bewohner der gemäßigten Breiten jedenfalls sehr gewöhnungsbedürftig.

 Am nächsten Morgen fand nach dem Frühstück eine Belehrung statt. Wir wurden z.B. darüber instruiert, wie wir uns im Felde zu verhalten hatten, wenn wir auf giftige Reptilien oder Spinnen stoßen sollten. Zum Schutze vor dem tödlichen Gift der Sandviper durften wir die Stiefel nicht ausziehen und mußten uns bei jedem Schritt und Tritt in acht nehmen. Skorpione lauerten vor allem abends und nachts. Besonders große Vertreter der Giftspinnen, endemische Taranteln und Valankas, konnten sich jederzeit in dem Gewirr von Tarnnetzen auf meinem Spießural verstecken. Deshalb sollten wir z.B. die Tarnnetze nur mit Handschuhen anfassen. Weiterhin wurde uns befohlen, aufgrund der extrem großen und trockenen Hitze am Tage mindestens sieben bis acht Liter Tee zu trinken.

... Am zehnten Tag nach unserer Ankunft im Lager sollte das große Manöver mit dem klangvollen Namen „Jupiter `86“ beginnen. Der Countdown startete mitten in der Nacht mit einem der üblichen Gefechtsalarme gemäß schon früher eingehend beschriebener Prozedur. Diesmal fuhren wir noch viel weiter hinaus als alle anderen Tage zuvor. Als es gegen Mittag ans Betanken ging, wurde es ernst. Jetzt lief echter Raketentreibstoff durch die Edelstahlrohre und Ventile. Jeder Fehler an Lederol oder bei der Arbeit konnte verhängnisvoll sein. Uns wurde das Letzte an körperlicher Leistungsfähigkeit abverlangt. Die Nerven zum Zerreißen gespannt, ständig am Rande des Kreislaufkollapses lavierend, richteten wir die Raketen auf die vorgegebenen Zielkoordinaten aus. Selbige kontrollierten die Stabsboiler bei jeder der sechs Rampen gleich mehrmals peinlichst genau, nicht ohne jedesmal den Zugführer sattzumachen. Dieser gab den Streß in Boilermanier sofort nach unten weiter. Der Befehl zum Abschuß ließ jedoch lange auf sich warten. Den Zeitpunkt dafür bestimmten nämlich einzig und allein die Russen, die mit unseren Raketen noch etwas besonderes vorhatten...

....Nach nunmehr fast zwei Wochen Steppenaufenthalt machten wir uns in der Frühe auf die Heimreise, Richtung Steppenbahnhof Kapustin-Yar, um dort wieder mit der Eisenbahnverladung zu beginnen. Bis hierhin verlief alles wie geplant, keine BV`s, abgesehen von dem staubig- heißen Fahrzeugkolonnenalptraum analog der Hinfahrt. Am frühen Nachmittag dann setzte sich unser Güterzug als letzter der fünf in Bewegung, die komfortablen Viehwaggons hatten uns wieder. Ich genoß aus vollen Zügen den kühlenden und sauberen Fahrtwind, der für spürbare Erleichterung sorgte.

Ungefähr eine halbe Stunde später hielt plötzlich der Zug inmitten der Einöde ohne ersichtlichen Grund. Alle dachten, die schwere Diesellok hätte einen Schaden erlitten. Dann machte das Gerücht die Runde, der Lokführer weigere sich, die Fahrt fortzusetzen. Kein Lüftchen regte sich, die gewohnte Glutofenhitze lag wieder wie eine Glocke schwer über der Steppe. Warum zum Teufel, so fragten wir uns, sollte sich ein Lokführer mitten in der Pampa weigern weiterzufahren! Was hatte der davon? Und schließlich mußte sich doch auch ein russischer Lokführer an irgendwelche Fahrpläne halten, oder nicht? Die Sache erschien mir einfach unerklärlich.

Stunde um Stunde verstrich, ohne daß wir etwas Genaueres erfahren hätten. Das einzige, was wir mitbekamen, war, daß sich die ranghöchsten Stabsboiler von Zeit zu Zeit eingehend mit dem Lokführer befaßten und augenscheinlich mit ihm stritten. (Zur Erläuterung sei hier gesagt, daß fast jeder der Führungsboiler die russische Sprache ganz gut beherrschte, das setzte dieser Job voraus.) Niemand außer den Boilern durfte sich in der Nähe der Lok aufhalten. Der Gesprächsinhalt blieb dem Rest der Truppe verborgen.

Schnittlauch erzählte in meinem Waggon, daß es gar nicht so ungefährlich sei, hier auf dieser Eisenbahnlinie in der Steppe so lange zu stehen. Er behauptete, die Russen hätten in dem großen Land für ihre vielen Straftäter und politischen Häftlinge nicht genügend Gefängnisse und Arbeitslager zur Verfügung. Diese quöllen schon aufgrund der Massen an „normalen“ Kriminellen über. Aus diesem Grunde würden die Politischen in riesigen KZ- ähnlichen Straflagern, Gulags genannt, im hohen sibirischen Norden verheizt. Viele kleine und mittlere Kriminelle würden, wie schon zu Zarenzeiten, einfach in die Verbannung geschickt und z.B. hinter dem Uralgebirge auf der asiatischen Seite, oder auch in der Kasachensteppe sich selbst überlassen. Nach regelmäßigen Befreiungsaktionen der örtlichen Guerilla würden die nunmehr Gesetzlosen gleich den Pistoleros im wilden Westen je nach Bedarf und Laune Transporte überfallen und ausrauben.

Diese Geschichte erschien uns so absurd, daß wir darüber lachten. Unvorstellbar, daß sich die „ruhmreiche“ Sowjetmacht so etwas bieten lassen würde. Das Lachen verging uns aber ziemlich schnell, als gegen 19.00 Uhr der Befehl zum Waffen- und Munitionsempfang für Unruhe sorgte. Jeder Soldat und Uffz erhielt zwei volle Magazine für seine Kalaschnikow. Auf einem kurzen Wachappell begründete Major Tück der Truppe die „Maßnahme“ offiziell mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen aufgrund der bald hereinbrechenden Dämmerung. Der Transport müsse bewacht und vor eventuellen Übergriffen Gesetzloser oder ethnischer Minderheiten geschützt werden. Dazu sei vorerst eine begrenzte Wacheinteilung erforderlich. Die jeweiligen Batteriechefs sollten für jeden Waggon Posten benennen.

Ganz klar, daß Schändel mir die „Freude“ machte, mit dabei sein zu dürfen. Alle Posten mußten ihre Stahlhelme aufsetzen. Auf drei Soldaten kam ein mit Fernglas ausgerüsteter Uffz, der das Kommando hatte. Sichtlich gelangweilt setzte Uffz Buhm von Zeit zu Zeit sein Fernglas an die Augen und suchte pro forma den Horizont ab. Die Sonne sank immer tiefer. Als erste entdeckten die Posten des nächsten Waggons eine kleine Staubwolke in der Ferne. Sie bewegte sich aus Fahrtrichtung unseres Zuges kommend auf die Lok zu. Es handelte sich aber nur um zwei in eigenartige Kaftane gehüllte Reiter, wie wir mit einem Blick durch das Fernglas feststellen konnten. Auf den ersten Blick erschienen sie unbewaffnet. Als sie die Lok erreicht hatten, gestikulierten sie ca. fünf Minuten mit unserer Führung. Kurz darauf sprangen sie auf ihre Pferde und verschwanden genauso schnell in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Nur wenige Augenblicke später kam der Befehl „Volle Alarm - und Verteidigungsbereitschaft“ für die gesamte Truppe. Ein Angriff seitens der Gesetzlosen, hieß es, könne unmittelbar bevorstehen, weil sich unsere Führung weigere, Waffen und Munition herauszugeben. Die Lok habe einen Triebwerksschaden, an dessen Behebung der Lokführer und ein Mechaniker mit Hochdruck arbeiteten. In dieser bis zum Äußersten angespannten Atmosphäre glaubte ich, im falschen Film gelandet zu sein. Die eine Hälfte der Soldaten einschließlich mir wurde zum Schutz der Rampen und LKW`s auf die Pritschenwaggons abkommandiert. Die andere verschanzte sich in den Viehwaggons.

Schon begann es zu dämmern. Das Warten auf den Angriff wurde zur Qual. Als ich dann am Horizont die dicke Staubwolke gewahrte, beschlich mich das Gefühl, eine eiserne Klammer würde sich um meinen Brustkorb legen. Angst machte sich breit, ich dachte an die mitgeführten Zinksärge und spürte, wie mir die Knie weich wurden. Sollte jetzt die Horrorvorstellung wahr werden, auf Menschen schießen zu müssen? ...

 Copyright © 2005, 2010 Peter Tannhoff