Rezensionen Sprutz

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Ich war zur selben Zeit am selben Ort (Michael Mathias, “Real Name”)
29.07.2007

Ich habe zur selben Zeit am selben Ort gedient. Einige der im Buch geschilderten "Erlebnisse" habe ich direkt erlebt. Ich kann nur sagen: Maßlos übertrieben! Z. Bsp. bei der Geschichte als man dem "Appich" die Brust aufritzte war ich selbst Zeuge. Das hat sich definitiv so nicht abgespielt!
Sicherlich war der Wehrdienst keine schöne und angenehme Zeit, auch die EK-Bewegung war grausam. Aber ein KZ war Tautenhain nun doch nicht.
Wer wirklich etwas über den Alltag in der NVA erfahren möchte, sollte vielleicht mit Leuten reden die das erlebt haben. Von diesem "Werk" kann ich nur entschieden abraten.

Kommentar Peter Tannhoff:
Als Chauffeur der Abteilungsstabsoffiziere (ich könnte hier sogar noch alle Namen aufzählen) genoß Mathias alle nur erdenklichen Vorteile, von denen ein einfacher Soldat im Grundwehrdienst nur träumen konnte. Er stand z.B. nur selten eine der schwer an der Substanz zehrenden Objektwachen, wurde kaum zu den zahlreichen Küchendiensten oder Nachtdiensten wie GuvD (Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst) eingeteilt, erhielt Sonderurlaube, bekam reichlich Ausgang. Leicht nachvollziehbar, dass ein UAZ-Chauffeur (= kleiner russischer Jeep) der Stabsbatterie beste Beziehungen zu den Vorgesetzten und ganz besonders zu den Stabsoffizieren pflegte (Im Falle M. könnte man es eher „anbiedern“ nennen). Kein Wunder, daß selbst seine Kameraden ihn mieden. Noch dazu, weil bessergestellte Grundwehrdienstler schnell der Informantentätigkeit für Militär und Staatsorgane verdächtigt wurden. Bleibt noch zu bemerken, daß ich an keiner Stelle schreibe, daß Tautenhain ein KZ war, wie von M. behauptet, sondern nur, daß es beim ersten, äußeren Eindruck mit seinen Elektro-Stacheldrahtzäunen und kalaschnikowbehängten Posten an Bilder aus Gefangenenlagern erinnerte. (S. 9)

 

 

Absolut authentisch!
02.10.2005

Bei der Lektüre von „Sprutz" habe ich mich um 22 Jahre zurückversetzt gefühlt. Genau wie Tannhoff mußte auch ich meinen Grundwehrdienst in der Raketenbrigade Tautenhain überstehen, genauer gesagt, überleben. Von Mai 1983 bis Okt. `84 habe ich als „K4-Rampenbulle" in der ersten Abteilung in Tautenhain gedient. (Als K4 war man hauptsächlich für das Betanken der Rakete mit dem hochgiftigen Flüssigtreibstoff zuständig). Zu dem Zeitpunkt war ich 23 Jahre alt und bereits Vater einer zweijährigen Tochter, was für mich und meine Familie alles noch bitterer machte. (Wenn ich allein an die Dramen in dem miefigen Besucherraum denke...)
Dem Autor ist es gelungen, den Tautenhainer NVA-Alltag realitätsnah auferstehen zu lassen. Mit „Sprutz" wurde mir einmal mehr bewußt, daß ich diese dunkle Zeit bisher nur verdrängt und in keiner Weise verarbeitet habe. Die für Tautenhain typische gnadenlose EK-Bewegung, die endlosen Schikanen und die willkürlichen Arreststrafen mußte ich ebenso über mich ergehen lassen. Ich war mehrfach kurz davor, die Nerven zu verlieren. Beschwerden bei der Politabteilung oder der Brigadeführung waren zwecklos, das verschlimmerte die Situation in der Regel. Halt gab mir letztendlich nur meine Familie, obwohl ich sie fast 1 Jahre kaum gesehen habe.
Tannhoffs Bericht, bei dem Außenstehende nur fassungslos den Kopf schütteln, deckt sich mit meinen Erinnerungen. Denn, im Gegensatz zu anderen NVA-Einheiten, war Tautenhain wegen der extremen Geheimhaltungsvorschriften aufgrund der Nuklearraketen ein Sonderfall. In dieser Isolation innerhalb des scharf bewachten Stacheldrahtzaunes waren Soldaten und Unteroffiziere tatsächlich oft dem Wahnsinn nahe, nicht wenige dachten an Selbstmord. Es paßt leider nur zu gut ins Bild, wenn einige der früheren NVA-Offiziere bzw. Berufssoldaten Tannhoffs Bericht in ihren Rezensionen aufgrund ihrer „verschobenen Realitätswahrnehmung" als „erfunden" bzw. „hanebüchenen Unsinn" abtun und ihre eigenen menschlichen Entgleisungen als „pädagogisch notwendig" rechtfertigen.

Als ehemals Betroffener finde ich auch die Gästebucheinträge ehemaliger „Tautenhainer" und die Original-Photos auf Peter Tannhoffs Homepage sehr bestätigend und informativ.
Der Grundtenor der heutigen NVA-„Ostalgiewelle" in den Medien lautet bedauerlicherweise: So schlimm war das doch alles gar nicht, und wenn, war man selbst schuld! Mit „Sprutz" liefert Tannhoff ein absolut authentisches, aufklärendes Gegengewicht zur NVA-Glorifizierung. Nur schade, daß sein Werk nicht schon viel früher erschienen ist!

 

 

Volltreffer
22.11.2004

Wer, wie Tannhoff, als einfacher Wehrdienstleistender die NVA durchlitten hat (einschließlich meines Mannes und vieler seiner Freunde und Bekannten),der weiß aus eigener bitterer Erfahrung, daß der Autor die Realität (Alltag) in der NVA nicht treffender hätte schildern können. Der „Sprutz" vermittelt dem Leser eindrucksvoll einen Teil deutscher Geschichte, an den sich bisher kaum einer literarisch herangewagt hat. Wer diesen Tatsachenbericht als „Machwerk" und sogar als „Themaverfehlung" bezeichnet, hat entweder nicht in der NVA gedient oder gehörte selbst zu den von Tannhoff beschriebenen Peinigern, die um jeden Preis verhindern wollen, daß die Wahrheit über ihr menschenverachtendes Tun an die breite Öffentlichkeit gelangt. Einmal angefangen, fällt es schwer, den „Sprutz" wieder aus der Hand zu legen. Fazit: Jedem zu empfehlen, der sich für gut erzählte deutsche Geschichte jüngeren Datums interessiert.

 

 

Leider nicht “Grimms Märchenbuch”
25.03.2004

Zu schön, wenn Tannhoffs Erlebnisse bei der NVA nur aus „Veteranengeschichten" zusammengesponnen wären! Leider sind seine geschilderten Episoden nicht „Grimms Märchenbuch" entsprungen, sondern waren Realität! Bestimmt kann sich so mancher darin wiederfinden, wenn er nicht gerade einen super Posten in einer Schreibstube erwischt hatte.
Ein Buch, was den Magen noch 14 Jahre nach der Wende umdrehen läßt.
Sehr empfehlenswert!

 

 

Tabu gebrochen
7.03.2004

„Sprutz" - was verbirgt sich hinter diesem Titel?
Ein Tabu-Thema aus der DDR-Zeit: Enthüllungen über den täglichen Wahnsinn in der „Volksarmee". Auf diesen „ehrenhaften Helden und Beschützern unserer sozialistischen Heimat" - verbrämt in Liedern und Heldenepen, durfte nie ein Makel haften.
Peter Tannhoff hat mit seinem Buch dieses Tabu gebrochen und schildert sehr offen seine eigene Soldatenzeit als Volksarmist. Dieser Alltag, geprägt von Schikanen, Intrigen, Brutalität bis zum fast selbstzerstörerischen Sadismus, läßt den Leser den Atem stocken. Man ist auch fassungslos über seine eigene Naivität und Arglosigkeit, mit der man seine Söhne damals in der NVA beschützt und sicher glaubte. Es durfte ja nichts von den wirklichen Geschehnissen hinter der Maske der Ehrenhaftigkeit an die Öffentlichkeit gelangen. Was sich bis jetzt unserer Vorstellungskraft durch Unkenntnis entzog, deckt Peter Tannhoff rückhaltlos ohne Übertreibung und ohne Pathos in seiner autobiographischen Erzählung auf. Mutig, ehrlich und aufrüttelnd zugleich wird berichtet, und der Autor löst sich damit auch von dem Vergangenen. Eine ganze Generation junger Männer war von diesem Schicksal betroffen, doch realistische Informationen gab es bisher kaum.
Es bleibt zu wünschen, daß Peter Tannhoffs „Sprutz" viele Leser findet, weil das ein Stück Vergangenheitsbewältigung ist, mit der wir alle noch konfrontiert sind.

 

 

Ehrlich und keinesfalls humorlos!
7.02.2004

Sagenhaft! Diese Autobiographie ist ein Muß für jeden, der an der Wahrheit über die grotesken, unmenschlichen Zustände innerhalb ehemaliger DDR-Kasernenmauern, illustriert am Beispiel des Atomraketenstandortes Tautenhain bei Gera, interessiert ist. Von der ersten Seite an gefesselt, leidet man oder freut sich mit dem „Sprutz", nicht zuletzt auch aufgrund der spannenden und flüssigen Erzählweise. Selbst in der angeblich so humanistischen DDR aufgewachsen, war ich zutiefst erschrocken über die pervertierten Auswüchse unter den jungen Soldaten, die Schikane und die oft widersinnigen, menschenverachtenden Befehle seitens der Machthaber in Tautenhain. Die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen dieser 18 Monate ist ehrlich und keinesfalls humorlos, läßt viel Spielraum für Zwischenmenschliches, vor allem für die Liebe zu Claudia.

 

 

Antworten gefunden
4
.02.2004

Fragen Sie sich auch manchmal, wieso das System DDR so lange funktionieren konnte? Welche Mittel hatte der Staat eigentlich, die Menschen unter Druck zu setzen? Ein paar Antworten habe ich in diesem Buch gefunden.
Auch ich hatte einige Freunde, die mir vor vielen Jahren von ihrer Armeezeit erzählt haben. Man kann sich vorstellen, daß die Berichte nicht gerade positiv ausgefallen sind. Jetzt verstehe ich schon besser, wieso es so schwer war, sich dagegen aufzulehnen.
Der Soldat Tannhoff, also der Sprutz, führt durch seine Geschichte mit Hilfe einer fast eigenen Sprache (Jargon), schildert interessante Details und läßt auch das wichtigste Thema - die Liebe - nicht zu kurz kommen.
Allen, die selbst zu DDR-Zeiten gedient haben bzw. deren Familien und Bekannten, aber auch allen anderen Neugierigen empfehle ich dieses kurzweilige und spannende Buch wärmstens!

 

 

 

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